Florian Skrabal zur Verleihung des Robert-Hochner-Preises

22. Mai 2014, 18:30
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Der Verein Dossier und ServusTV erhielten den Robert-Hochner-Preis für ihre TV-Dokumentation über Asylunterkünfte. Florian Skrabal warnte in seiner Rede eindringlich vor einem Ausverkauf des Journalismus.

Sehr geehrter Herr Bundespräsident!

Sehr geehrte Damen und Herren!

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen!


Als ich vor einem Jahr für einen Termin bei ServusTV nach Salzburg gefahren bin, war mit im Gepäck nicht viel mehr als eine Idee – und offene Fragen: Lässt sich diese Recherche umsetzen? Werden wir Zugang zu den Asylunterkünften bekommen, um uns an Ort und Stelle ein Bild der Zustände zu machen? Wird ServusTV mitmachen, sich auf eine neue Form der journalistischen Zusammenarbeit einlassen, zwischen zwei jungen Redaktionen, die auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein könnten?

Für beide Seiten ein Wagnis – gab es doch keine Schablone, keine Vorlage, wie eine solche Zusammenarbeit aussehen könnte und keine Garantie, dass dieses Projekt tatsächlich funktionieren würde. Als ich in Salzburg ankam, war aber eines schnell klar: Hier sind Menschen am Werk, die Journalismus denken und leben, die bereit sind, ein Risiko einzugehen, die den Mut zur Innovation haben.

Dieser Mut wurde belohnt. Dafür möchte ich mich bedanken, bei den Kollegen der Talk im Hangar-7-Redaktion, die das Projekt finanziell unterstützten, wertvolle Tipps beim Filmen gaben, mit uns gemeinsam recherchierten und die TV-Reportage produzierten. Und ich möchte mich bei meinen Kolleginnen und Kollegen von Dossier bedanken: Monatelang habt ihr bis zur Erschöpfung gearbeitet, seid dabei an eure Grenzen gegangen, einzig um Journalismus zu machen – den Journalismus, den wir meinen: unabhängig und der Wahrheit verpflichtet. Diese Auszeichnung gehört euch: bitte steht auf, zeigt euch.

Einen Applaus bitte.

Sie alle haben mitgeholfen, jenen ein Gesicht zu geben, die hierzulande oftmals unsichtbar sind: Menschen, die in der Republik Österreich um Schutz suchen. Flüchtlinge oder Asylwerberinnen und Asylwerber nennen wir sie – und stecken sie in Unterkünfte, die in zu vielen Fällen nur mit einem Wort beschrieben werden können – menschenunwürdig.

Oft wurden wir gefragt: Warum tut ihr euch das an? Was ist eure Agenda? Journalismus ist die Agenda. Unsere Recherchen handeln von Korruption in Politik und Wirtschaft, von der Ausbeutung Schwächerer, vom Missbrauch durch Stärkere, vom Versagen Einzelner und ganzer Systeme.

Hinter der Idee, Dossier zu gründen, steht eine bittere Erkenntnis: Recherchen, die tief gehen, die Zeit brauchen, die Themen und Sachverhalte gründlich untersuchen, gibt es in Österreich nicht. So gut wie nicht. Die konzentrierte heimische Medienlandschaft samt ihrer besonderen Abhängigkeiten - von politischen Interessen und von Inseraten, von Anzeigenkunden aus der Privatwirtschaft und von den Geschäftsinteressen einzelner Verlage - verhindert viel zu oft, dass Journalistinnen und Journalisten die Ressourcen bekommen, die sie für ihre Arbeit brauchen: Zeit, Geld und Unabhängigkeit.

Dabei stehen nicht nur die Medien in der Pflicht, auch Österreichs Politik ist gefordert. Sie schafft den gesetzlichen Rahmen, in dem sich Journalistinnen und Journalisten bewegen, in dem wir tagein, tagaus arbeiten. Österreichs Politik trägt die Verantwortung dafür, dass Journalistinnen und Journalisten immer noch zu Bittstellern degradiert werden, dass sie keinen rechtlich verankerten Zugang zu Informationen haben – dass Journalistinnen und Journalisten oftmals besser fahren, mit Pressesprecherinnen und Pressesprechern im Stillen zu mauscheln als offen ihr Recht auf Informationen einzufordern.

Nach wie vor verhalten sich viele Politikerinnen und Politiker so als hätten sie ein Vorrecht auf Information, als könnten sie entscheiden, wer zu Wort kommen darf, wer was berichten darf. Dabei vergessen sie eines: Journalismus und Politik haben eine gemeinsame Währung, die es sich immer wieder aufs Neue zu verdienen gilt: Glaubwürdigkeit.

Schenken Sie den Bürgerinnen und Bürgern mehr Vertrauen.

Lassen Sie uns arbeiten.

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