YLine-Strafprozess - Angeklagter: YLine scheiterte am Kapitalmarkt

22. Mai 2014, 16:12
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 Ex-Aufsichtsrat: "Zu viel, zu schnell und zu wenig Ressourcen" - Aus YLine sollte mehr als nur ein Softwarehaus werden 

Am heutigen vierzehnten Verhandlungstag im YLine-Strafprozess in Wien wurden zwei ehemalige Aufsichtsratsmitglieder einvernommen. Den beiden Angeklagten wird Untreue vorgeworfen. YLine sei letztlich am Kapitalmarkt gescheitert, meinte einer der Angeklagten. Man habe "zu viel, zu schnell und mit mangelnden Ressourcen" gewollt.

"Diese Dinge brauchen einfach enorme Zeit, enorme Ressourcen und enorm viel Geld"

"Heute weiß ich das", sagte der als Siebtangeklagter geführte Ex-Aufsichtsrat bei seiner Einvernahme durch die vorsitzende Richterin Marion Zöllner. Auch Amazon habe 20 Jahre gebraucht, um sein Geschäft aufzubauen, heute funktioniere es. "Diese Dinge brauchen einfach enorme Zeit, enorme Ressourcen und enorm viel Geld. Wenn der Kapitalmarkt das nicht deckt, wird es eng", so der Angeklagte, der damals Geschäftsführer eines großen oberösterreichischen Schreibwarenunternehmens war.

Als zur Jahrtausendwende Probleme bei der YLine-eigenen Trader-Software befürchtet wurden, sei deren Einführung verschoben worden. Daraufhin sei die Idee entstanden, aus YLine mehr als nur ein Softwarehaus zu machen. Ziel sei es gewesen, eine kostengünstige Wertschöpfungskette - vom Lieferanten über den Großhandel bis zum Endkunden aufzubauen. "Wir wollten die Wertschöpfungskette vom Hersteller bis zum Kunden rationalisieren", so der Angeklagte.

"Wir haben uns immer weiter nach hinten entwickelt, die anderen nach vorne"

Später habe sicher herausgestellt, dass die New Economy-Unternehmen sich verstärkt um die Kundenseite gekümmert haben. Das sei auch heute noch so, wie man am Beispiel von Facebook sehen könne. "Wir haben uns immer weiter nach hinten entwickelt, die anderen nach vorne". Somit habe er sein Wissen nicht mehr einbringen können, und das sei dann auch der Grund gewesen, YLine im Mai 2000 wieder zu verlassen.

Bei den YLine-Aufsichtsratssitzungen habe ihn als Vertreter der "Old Economy" am meisten gestört, dass er Unterlagen zum Einlesen sehr spät oder überhaupt nicht bekommen habe. Das hätten auch die anderen Aufsichtsratsmitglieder kritisiert. Er habe aber Verständnis dafür gehabt, denn die Geschwindigkeit der Prozesse bei YLine sei ungewöhnlich, für ihn eher unangenehm, gewesen. "Ich musste feststellen, so ist das in der New Economy", so der Angeklagte. Die YLine habe einen "schnell wechselnden Kurs" gefahren.

Der Hauptangeklagte Ex-Yline-Chef Werner Böhm sei seiner Zeit weit voraus gewesen: "Er hat Dinge gesehen, die so gekommen sind, wie er sie gesehen hat". Von der Richterin auf die organisatorischen Fähigkeiten von Böhm angesprochen, meint der Angeklagte: "Es ist nicht jeder dazu da, alles zu können".

"Wir haben gedacht, die Welt verändert sich, die New Economy hat ein anderes Gesicht", sagte ein als Achtangeklagter geführter Ex-YLine-Aufsichtsrat. YLine habe "ganz typische" Wachstumsprobleme gehabt. Schnelle Entscheidungen zu treffen sei aber wettbewerbsfördernd gewesen.

Partnerschaft zwischen IBM und YLine

Die strategische Partnerschaft zwischen IBM und YLine sei sehr wichtig gewesen. "Und wenn dann noch der IBM-Generaldirektor von Österreich in die YLine kommt, dann wird das schon funktionieren", habe er gedacht, so der Angeklagte. Das gemeinsame PC-Geschäft mit IBM und dem "News"-Verlag, bei dem Computer verschenkt wurden, sei eine hervorragende Idee gewesen. Dem Aufsichtsrat sei völlig klar gewesen, dass dies nur in Kooperation mit IBM funktionieren könne. Dabei sei es nicht um einen "Riesengewinn" gegangen, sondern um die strategische Komponente - das Projekt hätte mehr Internet-Nutzer bringen sollen. Ein ähnliches Geschäft habe Vodafone in Großbritannien schon gemacht gehabt.

Eine "große Sache" ist laut beiden Angeklagten auch die Sacheinlage bei der deutschen Online-Tochter des Metro-Konzerns, Primus, gewesen. Er hätte nicht damit gerechnet, dass das gemeinsame Projekt scheitern würde, so der Achtangeklagte.

YLine war erst 1998, also ein Jahr vor dem ersten Börsengang 1999, vom nun Hauptangeklagten Werner Böhm gegründet worden. Im Herbst 2001 meldete die YLine Konkurs an. Laut Anklage war die YLine aber schon spätestens Mitte Jänner 2001 zahlungsunfähig. Elf Angeklagte, frühere Vorstände und Aufsichtsräte sowie die damalige Wirtschaftsprüferin, sitzen nun im YLine-Strafprozess auf der Anklagebank, die Vorwürfe lauten auf Untreue, Insiderhandel und Bilanzfälschung.

Der Prozess wird am 3. Juni im Großen Schwurgerichtssaal des Wiener Straflandesgerichts fortgesetzt. (APA, 22.5. 2014)

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