Ex-EZB-Präsident: "Lehman war der Test"

21. Mai 2014, 18:33
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Jean-Claude Trichet verteidigt das Verstaatlichen der Hypo in der Krise. Europas Zentralbank solle heute die Zinssätze weiter senken

STANDARD: 2009 wurde die Kärntner Bank Hypo Alpe Adria notverstaatlicht. Sie sollen persönlich sehr aktiv darauf gedrängt haben. War die Hypo wirklich systemrelevant?

Trichet: Die Bank war sicher eine wichtige Institution. Zu der Zeit wurde sie sicherlich als systemrelevant eingeschätzt. Aber es gab für kein Land eine Sonderbehandlung. Die Botschaft von Ben (Bernanke, US-Notenbankchef, Anm.) auf seiner Seite, Mervyn (King, Chef der Bank of England, Anm.) in Großbritannien und mir selbst an alle Regierungschefs und Minister war: Seid sehr vorsichtig. Lehman war der Test, und man konnte sehen, welche Folgen die Pleite einer relativ unbedeutenden Institution hatte.

STANDARD: Und dieser Test hat weitere Bankenpleiten ausgeschlossen?

Trichet: Die internationale Gemeinschaft hat danach klar an die Verantwortung einzelner Regierungen appelliert. Man darf nicht vergessen, dass zu dieser Zeit der britische Premierminister Gordon Brown wie auch der US-Präsident gesagt haben, dass es keinen Kollaps einer systemrelevanten Bank mehr geben werde. Diese Entscheidungen fielen in einer Zeit, als wir ohne mutige Entscheidungen von Zentralbanken und die Verantwortung der Regierungen eine Große Depression erlebt hätten, die schlimmer als in den 1930er-Jahren gewesen wäre.

STANDARD: Die wirtschaftliche Entwicklung in der Eurozone ist sehr schwach. Was soll die EZB tun?

Trichet: Meiner Meinung nach haben wir in der Eurozone ein Problem niedriger, sehr niedriger Inflation. Die Leitzinsen sind schon nahe null. Im aktuellen Umfeld von niedriger Inflation, von Märkten, die den Euro nach oben treiben und damit das Problem der Preisstabilität verschärfen, würde es wohl Sinn machen, in Europa weiter zu gehen und zu signalisieren, dass die Zinsen noch niedriger sein sollten.

STANDARD: Also könnten die Zinsen auch negativ sein?

Trichet: Das könnte auch negative Einlagenzinsen bedeuten. Der Vorteil davon, die Einlagenzinsen in negatives Terrain zu senken, wäre, dass damit auch der Eonia (Zins, zu dem sich Banken untereinander Geld leihen, Anm.) nach unten gedrückt würde. Das würde mehr geldpolitische Lockerung bringen. Wenn man die Einlagenzinsen belässt und nur den Leitzins senkt, wäre es möglich, dass der Eonia sich kaum bewegt.

STANDARD: Sie sind Chef im Direktorium der Denkfabrik Bruegel. Die Ökonomen dort drängen die EZB wie in den USA zum Kauf von Anleihen, um die maue Konjunktur zu bekämpfen. Der richtige Weg?

Trichet: Ich glaube, wir sollten die unkonventionellen geldpolitischen Maßnahmen der Europäischen Zentralbank und der US-Notenbank unterscheiden. In Europa sind die Banken der hauptsächliche Finanzierungskanal. In den USA ist der Kapitalmarkt viel wichtiger. Daher reagiert die US-Notenbank viel stärker auf eine Krise an den Märkten, weil dann die Realwirtschaft von der Finanzierung abgeschnitten wird. In Europa sieht die Situation anders aus. Hier würde das Verschwinden von Liquidität bei den Banken eine Krise verursachen. Deswegen hat die EZB den Banken alle Liquidität in Aussicht gestellt, die sie benötigt haben. (Lukas Sustala, DER STANDARD, 22.5.2014)

Jean-Claude Trichet (71) war von 2003 bis 2011 Präsident der Europäischen Zentralbank. Er war anlässlich des Wiener-Börse-Preises in Wien, der von Organisationen wie der OeNB, der ÖVFA und der Wiener Börse veranstaltet wird.

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    foto: epa
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