"New York Times": Bevor Digitalkräfte "in Scharen" gehen, musste Chefin weichen

21. Mai 2014, 17:27
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"New York Times"-Verleger erklärt Ablöse – und sein Sohn zahlreiche digitale Fehler dieses Weltblattes

New York/Wien – Medienmenschen  muss interessieren, wenn a) die erste Chefredakteurin der Qualitätszeitung schlechthin überraschend abgesetzt wird. Wie Jill Abramson bei der New York Times. Wenn b) ein interner Report zahlreiche digitale Fehler dieses Weltblattes aufzeigt, obwohl es da als Vorzeigemedium gilt. Wie berichtet, verfasste ihn eine Arbeitsgruppe, die NYT-Verlegersohn Arthur Gregg Sulzberger leitete. Und wenn c) noch die Konkurrenz den harschen Reportleaked: Dann sirrt es in der Medienbranche und den von ihr bespielten sozialen Medien. Höchste Zeit  für ein paar Auszüge.

Joshua Benton, Direktor des angesehenen Nieman Journalism Lab, und drei Mitarbeiter siebten Erkenntnisse aus dem Report – für sie ein "Schlüsseldokument dieses Medienzeitalters“. Vielleicht auch, weil es Mangel an digitaler Kompetenz, bestimmende Routinen und Bürokratie aufzeigt und tiefe Gräben etwa zwischen Redaktionen, Verlagsabteilungen und Entwicklern. Bis hin zur skurrilen Ablehnung, Entwickler mit Redakteuren jausnen zu lassen.

  • Prestigeprojekte "Snowfall“ ist ein von Medienleuten viel bestauntes Multimedia-Erlebnis, Synonym für zeitgemäße digitale Präsentation. Der  Report kritisiert  gewaltigen Aufwand:_Besser ein wiederverwendbares Instrument für solche Projekte entwickeln als Einzelprojekte wie Snowfall.

  • Umpacken Der Report fragt:_Warum überlässt die NYT (wie andere) neuen digitalen Medien wie  Buzzfeed oder Flipboard, bestehende Inhalte erfolgreich nach Themen oder Ereignissen zu bündeln und neu zu verpacken? Der Bericht vermisst Experimente in der Präsentation. Und kluge Strukturierung  – seit 15 Jahren arbeite man an einer Rezeptdatenbank.

  • Packhilfen Journalisten und Nutzer bräuchten einfache digitale Werkzeuge, um Inhalte neu nach Interessen zusammenzustellen.  Plattformen mit_Leseempfehlungen, orientiert an der Nutzung, würden entwickelt. Den Output bestimmter Kolumnisten oder Journalisten sollen die User leichter verfolgen können, ebenso Themen.

  • Journalisten am Tisch Nur noch ein Drittel der digitalen User würden Artikel über die NYT-Webseite ansteuern. Sie müsse sich anstrengen, ihre Inhalte in sozialen Netzwerken zu teilen und verbreiten. Mit Journalisten am Tisch – auch diese Promotion brauche redaktionellen Zugang.

  • Stories promoten Der Report verweist auf Mitbewerber (wie die stiftungsfinanzierte RechercheplattformProPublica), wo Redakteure zu ihren Stories fünf Tweetvorschläge liefern müssen und die Redaktion zu Inhalten eine Social-Media-Strategie. Bei Reuters identifizierten eigene Mitarbeiter  wenig gelesene Artikel und überarbeiteten ihre Präsentation.

  • Userinnen und User beteiligen Der Report kritisiert, dass User nur einen Bruchteil der Stories kommentieren könnten. Nur ein Prozent der Leser kommentiere auch nur drei Prozent läsen die Kommentare. Ein System „vertrauenswürdiger“ Poster, deren Kommentare gleich online gehen, während andere geprüft würden, umfasse nur „ein paar hundert“ User.

NYT-Verleger Arthur Sulzberger jr. erklärt Abramsons Ablöse in "Vanity Fair" mit ihrem Managementstil und dem sonst drohenden Abgang ihres Vizes Dean Baquet, nun Chefredakteur. Mit dem „wären die besten Digitalkräfte in Scharen gegangen“. (red, DER STANDARD, 22.5.2014)

  • Harscher Befund über die "New York Times" im "Innovation-Report".
    foto: ap

    Harscher Befund über die "New York Times" im "Innovation-Report".

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