Cannes: Exzentrische Milliardäre in Ringeroutfits

21. Mai 2014, 17:09
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Beim Festival in Cannes haben die zweifachen Palmengewinner Luc und Jean-Pierre Dardenne ihr jüngstes Werk präsentiert. Bennett Miller schickt mit "Foxcatcher" einen vermögenden Exzentriker in den 67. Wettbewerb

Das Le Majestic an der Croisette ist jenes Fünfsternehotel in Cannes, das tagsüber konstant von Fans belagert wird, weil hier viele Stars untergebracht sind. Als sich ein Van mit abgedunkelten Scheiben nähert, laufen bereits kreischende Teenager hinterher. Sitzt Ryan Gosling im Auto oder doch Robert Pattinson? Aus den Lautsprechern einer nahen Strandbar trällert Kylie Minogue wie auf Kommando I Can't Get You Out Of My Head. Der ganz normale Irrsinn eines Filmfestivals. Shalala, lalalala ...

Im Wettbewerb tritt der französische Star Marion Cotillard hingegen als Mensch wie du und ich an. Im neuen Drama der Brüder Luc und Jean-Pierre Dardenne, Deux jours, une nuit, verkörpert sie eine Angestellte, die entlassen werden soll. Ihre Kollegen wurden von der Geschäftsführung vor die Wahl gestellt: Sie entschieden sich gegen sie und für den Bonus von 1000 Euro. Nun hat sie ein Wochenende Zeit, sie doch umzustimmen. Gelingt es, genug Solidarität zu wecken? Oder ist in der modernen flexiblen Arbeitswelt ein jeder sich selbst am nächsten?

Es ist ein charakteristisch engmaschiges Szenario der Regiebrüder, die bereits zweimal mit einer Goldenen Palme ausgezeichnet wurden. Cotillard ist als die von den Nachwirkungen einer Depression beeinträchtigte Hauptfigur ganz ungeschminkt, betörend fragil zu erleben: Ihre Tour zu den Arbeitskollegen zehrt an ihrem Selbstwertgefühl, sie kämpft gegen das Schamgefühl an, bricht in Tränen aus, öfter ist sie nahe daran zu resignieren.

Die Belgier sind sehr versiert darin, aus einer ganz einfachen Erzählbewegung ein Maximum an Einsichten zu gewinnen. Diesmal bringen sie die unternehmerische Praxis, Konflikte an Mitarbeiter weiterzureichen, schön auf den Punkt. Allerdings scheint die Erzählkonstruktion in Deux jours, une nuit stärker durch als in früheren Arbeiten. Das schwächt auch den Sog des Films. Die Stationen der Frau ermöglichen zwar Einblicke in diverse Daseinszwänge der Kollegen, insgesamt wirkt die Darstellung aber zu wohltemperiert in ihren sozialen Abstufungen: vom Häuslbauer, dem ängstlichen Fristarbeiter bis zum cholerischen Jungspund.

Der US-Regisseur Bennett Miller versteht sich schon länger auf ungewöhnliche Castingideen. Den großen Philip Seymour Hoffman führte er mit Capote zum Oscar, Brad Pitt gab er im Baseball-Drama Moneyball als getriebenem Talentscout einen seiner besten Parts. In Foxcatcher setzt er nun den als Komiker bekannten Steve Carrell und den kernigen Jungstar Channing Tatum effektiv gegen bestimmende Rollenprofile ein.

Bizarre Vorlieben

Carrell spielt den exzentrischen Milliardär John du Pont, einen steifen, aber auch beklemmenden Mann mit Vogelnase, der mit dem Vermögen seiner Familie bizarre Vorlieben finanziert. Die Jüngste ist die Kampfsportart Ringen, für die er rund um den etwas einfältigen Champion Mark Schultz (Tatum) und dessen Bruder (Mark Ruffalo) ein eigenes Team zusammenstellt, um es für die USA in die Olympiade zu führen.

Foxcatcher hat eine reale Geschichte mit fatalem Ende zum Vorbild, verdichtet diese jedoch zur ebenso klugen wie bedrückend komischen Fabel über die Auswüchse fehlgeleiteter Philanthropie. Hinter dem Ansinnen du Ponts versteckt sich nicht nur ein beschädigtes Ego, sondern auch unterdrückte Neigungen, wobei Miller so souverän ist, vieles davon nur anzudeuten.

Die seltsame Allianz dieses undurchsichtigen Mannes mit einem von emotionalen Defekten gehemmten Sportler wirkt jedenfalls lange nach. Ein Eindruck, der sich auch einer gemessenen, präzisen Inszenierung verdankt, die viel Augenmerk auf ausstatterische Kleinigkeiten legt. Wie du Pont in dem von ihm mitentworfenen blau-gelben Ringeroutfit Runden um seine muskulösen Jungs dreht, war bisher eines der tragisch komischsten Bilder in Cannes. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 22.5.2014)

  • Zermürbendes Werben um Solidarität in der flexiblen Arbeitswelt: Der französische Filmstar Marion Cotillard spielt die von der Entlassung bedrohte Hauptfigur in "Deux jours, une nuit".
    foto: apa

    Zermürbendes Werben um Solidarität in der flexiblen Arbeitswelt: Der französische Filmstar Marion Cotillard spielt die von der Entlassung bedrohte Hauptfigur in "Deux jours, une nuit".

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