Lise de la Salle: Eine selbstverständliche Erzählerin

21. Mai 2014, 17:12
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Klavierabend im Konzerthaus

Wien - Da herausragende Klavierkunst erst nach Jahren einsamen Übens stattfinden kann, gehen bei großen Pianisten oft Exzentrik und eine leichte Neurosenhaftigkeit Hand in Hand. Streift das grimassenhafte Mienenspiel Jewgenij Kissins mitunter die Grenzen zum Horrorfilm, so hat Grigorij Sokolovs Verbeugungschoreografie etwas Roboterhaftes.

Die pianistische Mittelklasse zeigt hier mehr Normalmenschlichkeit. Lise de la Salle gab im Mozart-Saal des Konzerthauses einen Klavierabend, und alles war sehr angenehm. Die Französin, 1988 in Cherbourg geboren, erzählte am Klavier mit einer großen Selbstverständlichkeit. Aufrecht und ernst saß sie im schwarzen Abendkleid an ihrem gleichfarbigen künstlerischen Ausdrucksmittel, schwarze Spitze umfing ihr bleiches Schulterpaar.

De la Salle gab im ersten Programmteil Bach, so etwa dessen Chromatische Fantasie und Fuge. Fließend und weich ihr Spiel im ersten Werkteil; schön, wie am Ende des Rezitativs alle Energie sacht erschlaffte und wie das Fugenthema dann, einem zarten Rinnsal gleich, aus der Stille herausfloss. Auch im kraftstrotzenden Pathos des Themas mit sechs Variationen in d-Moll des jungen Johannes Brahms fühlte sich De la Salle wohl, präsentierte die Eröffnung mit Stolz und Majestät.

Nur wenige Abstriche musste man beim pianistischen Gipfelwerk des Impressionismus machen, Ravels Gaspard de la nuit. Bei der Ondine gerieten manche Stimmungen etwas zu handfest-sportlich, die Höhepunkte beim Scarbo zischten etwas zu schnell vorbei. Zwei Zugaben, Debussy und Rachmaninow. Begeisterung. (Stefan Ender, DER STANDARD, 22.5.2014)

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