Frankreichs Bahn bestellte zu breite Züge

21. Mai 2014, 14:01
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Die Franzosen sind entgeistert: Ihre Bahn SNCF hat mehrere hundert Züge bestellt, die nicht in die Bahnhöfe passen. Jetzt werden die Bahnsteige umgebaut

Paris - Was tun, wenn der Fuß nicht in den Schuh passt? Diese Frage der Radiostation France-Inter trieb am Mittwoch ganz Frankreich um. Das Satireblatt "Le Canard Enchaîné" wartete mit einer sehr speziellen Enthüllung auf: Die französische Staatsbahn SNCF bestellte beim französischen Hersteller Alstom 182 Regionalzüge des Typs TER-Régiolis und beim kanadischen Konkurrenten Bombardier 159 Regio-2N-Züge – doch die sind für viele Bahnhöfe im Land 20 Zentimeter zu breit.

Da man den zum Teil fertig gebauten Zügen keine frühsommerliche Magerkur verschreiben kann, bleibt nur ein Ausweg: Insgesamt 1.300 Bahnhöfe müssen an die brandneuen Zugsformationen angepasst werden. In 300 Orten vor allem Südfrankreichs seien die Arbeiter bereits daran, die Bahnsteige "abzuhobeln", schreibt der "Canard".

Abbaukosten auf 50 Millionen Euro

Ebenso unglaublich mutet die Reaktion des Streckennetzbetreibers Réseau Ferré de France (RFF) an. Vorsteher Jacques Rapoport räumt nur ein, das Problem "etwas spät" erkannt zu haben. Er beziffert die Abbaukosten auf 50 Millionen Euro, spricht aber von einer "nützlichen Ausgabe": Sonst wären die Züge "kleiner und weniger modern", meinte der Verantwortliche, um anzufügen, die Bauarbeiten hätten keinerlei Einfluss auf die Fahrpreise. Schließlich kommt der Staat für die hohen RFF-Schulden auf.

Rapoports Kosten-Nutzen-Rechnung erscheint vielen Franzosen etwas zurechtgebogen. In Wirklichkeit hatte der Schienenbetreiber RFF sowohl der französischen Bahngesellschaft SNCF wie auch den Zugsherstellern schlicht falsche Messdaten übermittelt. Er benutzte offenbar Daten aus den 80er-Jahren, die außer Acht ließen, dass ältere Züge etwas schmaler und die Bahnsteige damit etwas breiter waren.

Baukosten stimmten nicht

Die Heiterkeit über den Schildbürgerstreich der Bahnplaner hält sich in Frankreich in Grenzen. Transportminister Frédéric Cuvillier nannte die Vorgänge zwar "auf komische Weise dramatisch", kritisierte aber, dass die Zusammenarbeit zwischen SNCF und RFF offenbar überhaupt nicht funktioniere. Die beiden Staatsbetriebe waren 1997 getrennt worden; Mitte Juni wollte die Nationalversammlung über ihre Wiederverschmelzung debattieren.

Laut "Le Canard Enchaîné" stimmen nicht einmal die genannten Baukosten: RFF hat für die Anpassung der Bahnsteige bereits 80 Millionen Euro zurückgestellt, und das schließt die indirekten Verwaltungskosten noch nicht einmal ein. Insgesamt dürfte der Umbau der Bahnsteige mindestens 100 Millionen Euro kosten.

"Hat man jemals eine schwachsinnigere Herkulesarbeit gesehen?", fragt das Wochenmagazin "Le Point"; stellvertretend für viele fordert es den geschlossenen Rücktritt der RFF- und SNCF-Spitzen. Im Internet fragte zudem ein gewitzter Zeitgenosse, ob denn die umgebauten Bahnsteige für die bisherigen Züge nicht plötzlich zu kurz seien. (Stefan Brändle aus Paris, derStandard.at, 21.5.2014)

  • Einer der neuen Regiolis-Züge in der Nähe von Straßburg.
    foto: reuters/vincent kessler

    Einer der neuen Regiolis-Züge in der Nähe von Straßburg.

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