Android: Googles Streben nach immer mehr Kontrolle

27. Mai 2014, 10:37
315 Postings

Warum Android längst nicht mehr so offen ist wie früher und ein großer Umbruch bevorsteht

Eigentlich darf Google mit dem Status quo von Android durchaus zufrieden sein: Im Smartphone-Geschäft hat das eigene Betriebssystem längst die dominierende Rolle eingenommen, und selbst bei Tablets wurde mittlerweile Apples iOS abgehängt. Und doch arbeitet Google derzeit gleich an mehreren Kampagnen, die in Summe Android vollständig umkrempeln dürften. Doch bevor näher auf die Spezifika eingegangen wird, zunächst etwas notwendige Vorgeschichte, um die aktuellen Änderungen besser fassen zu können.

Vorgeschichte

Als Google am 5. November 2007 sein mobiles Betriebssystem der Öffentlichkeit präsentierte, war ein Begriff allerorten zu vernehmen: Offenheit. Android sollte so etwas wie die Antithese zum einige Monate zuvor vorgestellten iPhone OS bilden. Ein freies Betriebssystem, bei dem sich Hersteller und Netzanbieter nach Belieben bedienen können, statt der strikten Kontrolle, mit der Apple sein Ökosystem abschottet. Regeln gab es zunächst wenige, die Partnerfirmen durften praktisch alles modifizieren, solange sie die Kompatibilitätstest bestanden.

Bruchlinien

Doch während der offene Charakter von Android fraglos eine entscheidende Rolle bei dessen rasantem Aufstieg gespielt hat, wurden über die Jahre auch dessen Nachteile offenbar. Während Google viel Arbeit in die zentralen Apps für Android steckte, nahmen die Hersteller immer umfangreichere Änderungen an diesen vor, ohne diese jedoch in das Original-Android zurückfließen zu lassen. Aufgrund der von Google gewählten Apache-Lizenz war alles rechtlich vollkommen wasserdicht - und doch wohl nicht ganz die Form von Open Source, die sich das Unternehmen anfänglich vorgestellt hatte.

Aussperrung

Vor allem aber musste Google so mit ansehen, wie man immer mehr von der eigenen Plattform verdrängt wurde: Zentrale Apps wurden durch HTC, Samsung und Co ausgetauscht, Drittservices statt desjenigen von Google beworben. Auf die User-Experience hatte der Android-Hersteller ohnehin kaum mehr Einfluss. Also begann das Unternehmen langsam gegenzusteuern, und zwar über das stärkste Druckmittel, das man innehat: Hersteller, die den Play Store installieren wollen, müssen eine über die Jahre kontinuierlich wachsende Liste an Bedingungen erfüllen. Dazu gehört nicht zuletzt die Auslieferung einer ganzen Reihe von Google-Apps.

Die neue App-Generation

Parallel dazu startete der Softwarehersteller mit der Entwicklung einer neuen Generation der eigenen Programme, die sich vor allem durch zwei Dinge auszeichnet: Die neuen Google-Apps sind nicht länger Open Source, zudem werden sie über den Play Store aktuell gehalten und können damit unabhängig von den schleichenden Software-Updates der Hersteller aktualisiert werden. Ein Schritt, mit dem sich Google die Kontrolle über entscheidende Teile der Softwareausstattung auf allen Android-Geräten gesichert hat. Diese Phase der Transformation kann mit Android 4.4 als weitgehend abgeschlossen betrachtet werden: Mit dem Google Now Launcher hat der Softwarehersteller nun selbst den Startbildschirm durch ein proprietäres Programm ausgetauscht.

Android

An diesem Punkt angekommen, gilt es Folgendes unmissverständlich festzuhalten: Android gibt es in der Form, wie sie ursprünglich konzipiert wurde, schlicht nicht mehr. Die einst gepriesene Offenheit ist zwar keineswegs verschwunden, sie beschränkt sich nun aber auf die Kernkomponenten von Android: das Linux-basierte Betriebssystem sowie die Softwareplattform mit der Android Runtime und all ihren Programmierschnittstellen. Auf dieser Basis liefern dann unterschiedliche Hersteller ihre eigenen “Experiences” aus - und dazu gehört auch Google. Insofern macht die lange gepflegte Rede von einem “Stock Android” eigentlich keinen Sinn mehr. Was auf den Nexus-Geräten zu finden ist, ist kein “unmodifiziertes Android” - es ist schlicht “Google Android”.

Der Hauptakt kommt erst

Doch mit all dem ist eigentlich erst die Grundlage für all das geschaffen, was im kommenden Jahr einen signifikanten Umbruch in der Android-Welt bringen könnte - wenn die Pläne von Google aufgehen. So soll aktuellen Berichten zufolge bereit im Februar kommenden Jahres der Startschuss für die Android-Silver-Linie gegeben werden. Wie berichtet, sollen dabei ausgewählte Android-Smartphones gesondert als Premiumgeräte bei den Mobilfunkanbietern beworben werden. Im Gegenzug dürfen die Hersteller nur minimale Änderungen an der Software vornehmen (etwa um einzelne Spezialfunktionen der Hardware zu unterstützen).

Mehr Kontrolle

Erweist sich Android Silver als Erfolg, könnte sich dies als jener Hebel erweisen, mit dem Google endlich mehr Kontrolle darüber erhält, wie die User-Experience bei der breiten Masse der NutzerInnen ankommt. Ist die Verbreitung jener Geräte, die mit “Google Android” ausgeliefert werden - also der Nexus-Linie und der nur in den USA erhältlichen “Google Play Editions” -, doch bisher vergleichsweise gering.

Hera

All dies passt bestens zu einer weiteren aktuellen Entwicklung bei Google: Unter dem Codenamen Hera soll der Softwarehersteller derzeit an einer grundlegenden Neugestaltung der eigenen Oberfläche arbeiten, berichtet Android Police. Auch wenn die Informationen dazu momentan noch etwas vage sind, so fällt doch bereits eine starke Verschränkung zwischen Kern-User-Interface und Google-Services auf. Der Softwarehersteller scheint also den Abgang von der Idee einer für alle Hersteller gefälligen Oberfläche dazu zu nutzen, den eigenen Fokus zu schärfen.

Eine Plattform

Mit Hera geht aber noch ein weiterer Umbruch einher, dessen Signifikanz weit über Android hinausgeht: Die Vereinheitlichung der User Experience der Google Apps über alle Plattformen hinweg - also vom Web über Chrome / Chrome OS bis zu Android. Dass die Entwicklung bei Google in diese Richtung geht, hatte auch Android-Designchef Matias Duarte bereits vor einigen Wochen in einem Interview angedeutet. Sehr aufschlussreich ist zudem ein Blick auf das Vortragsprogramm der im Juni stattfindenden Google-I/O-Konferenz - ist dabei doch ein sehr starker Fokus auf das mobile Web unübersehbar. Dieses wird künftig also unter Android wohl eine deutlich wichtigere Rolle einnehmen - eventuell sogar als zweite Entwicklungsplattform.

Ablauf

Der Zeitrahmen für die besprochenen Änderungen lässt sich natürlich im Vorhinein nur begrenzt zuverlässig schätzen - immerhin können sich die aktuellen Pläne auch noch ändern. Angesichts des offenbar noch recht unfertigen Zustands von Hera scheint eine Vorstellung bei der Google I/O allerdings unrealistisch. Insofern könnten all die aktuellen Handlungsstränge im Februar 2015 zusammenlaufen. Eine neue Android-Version samt frischem Interface und 64-Bit-Support wäre zudem ein optimaler Einstand für Android Silver.

Einschätzung

Für die NutzerInnen bedeutet all das zunächst einmal: Geht der Google-Plan auf, werden sich in Zukunft neue Android-Versionen deutlich flotter verbreiten. Immerhin hätte das Unternehmen dann die Update-Kontrolle über einen signifikant größeren Teil aller Geräte. Auch eine einheitliche User-Experience über die Geräte mehrerer Hersteller hinweg werden wohl viele begrüßen. Gleichzeitig heißt dies aber auch: So viel Google war in Android noch nie. (Andreas Proschofsky, derStandard.at, 27.5.2014)

  • Silver statt Nexus: Google versucht mit neuer Strategie mehr Kontrolle über Android zu erlangen.
    foto: google / bero

    Silver statt Nexus: Google versucht mit neuer Strategie mehr Kontrolle über Android zu erlangen.

Share if you care.