Wie die US-Regierung Snowdens E-Mail-Anbieter in die Knie zwang

21. Mai 2014, 12:25
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Zugriff auf Nachrichten und Passwörter bei Lavabit in Geheimprozess verlangt

Als der NSA-Whistleblower Edward Snowden sich aus den USA ins Ausland absetzte und mit der Veröffentlichung geheim gehaltener Dokumente begann, hefteten sich die US-Behörden schnell an seine Fersen. Die Ermittler durchleuchteten sein Kommunikationsverhalten und landeten so bei Lavabit, einem ehemaligen Anbieter für sichere E-Mail-Kommunikation, wo Snowden über ein Konto verfügte.

Für das Unternehmen endete diese Entdeckung mit der Schließung durch seinen Gründer, Ladar Levison. Dieser beschreibt nun, fast ein Jahr später, seine Erfahrungen mit den Behörden in einem Guardian-Artikel.

Behörden wollten Passwörter

Im Sommer 2013, schildert Levison, standen zwei FBI-Agenten vor seiner Tür und übergaben ihm eine gerichtliche Anordnung, die ihn verpflichtete, Überwachungsequipment in das Netzwerk seiner Firma einzupflegen. Das nicht näher beschriebene Gerät ermöglichte der US-Regierung Zugriff auf den Klartext aller Nachrichten, die die 410.000 Lavabit-User empfingen und versandten.

Doch das war nicht genug. In einem nächsten Schritt forderten die Behörden die Übergabe der privaten Schlüssel, mit welchen die Zugangsdaten der Nutzer geschützt waren. Das Ziel: Man wollte an die Passwörter gelangen, um auch an die bei Lavabits Cloudspeicher hinterlegten Dateien zu gelangen. Levison wehrte sich und gab an, die gerichtliche Anordnung im Detail lesen zu wollen und Rücksprache mit einem Anwalt zu halten.

Vorladung

In den folgenden zwei Wochen der insgesamt 38-tägigen Prozedur wurden Levison insgesamt sieben Mal gerichtliche Unterlagen zugestellt und er war jeden zweiten Tag in Kontakt mit einem FBI-Repräsentanten. Das Ermittlungsbüro soll Levison trotzdem später des "Schweigens" bezichtigt haben.

Aufgrund der technischen und rechtlichen Komplexität der Angelegenheit benötigte Levison eine Woche, um einen geeigneten Anwalt zu finden. Nicht einmal einen Tag nach der Kontaktaufnahme wurde er schließlich zu einem Gerichtstermin in Virginia vorgeladen – mehr als 1.000 Meilen von seiner Heimat entfernt.

Blindflug

So kurzfristig war es dem Anwalt nicht möglich, bei diesem Termin zu erscheinen. Da es sich um ein Geheimverfahren handelte, konnte Levison sich zudem nur direkt an mögliche Rechtsvertreter wenden, aber sonst niemanden bitten, ihn auf der Suche nach einem qualifizierten Juristen zu unterstützen. Als "Third Party" in dem Prozess hatte Levison zudem kein Recht auf einen juristischen Beistand Seitens des Gerichts. Letztlich stand er vor der Entscheidung, den Termin alleine wahrzunehmen oder wegen Fernbleibens einen Haftbefehl zu riskieren.

In Virginia wurde die Vorladung bezüglich einer Aushändigung der Schlüssel mit einem Durchsuchungsbefehl und einem neuen Termin ersetzt. Levison beauftragte eine kleine, ortsansässige Kanzlei mit seiner Vertretung, die innerhalb weniger Tage eine Verteidigungsstrategie entwickeln musste.

Allerdings händigte das Gericht zwei Monate lang kein Transkript des ersten Termins aus und verbot die Konsultation außenstehender Experten, sodass die Anwälte praktisch im Blindflug operieren mussten.

Rechtslücke

Kurz darauf legte der Richter eine Strafanordnung wegen Missachtung des Gerichts nach, da Levison nach wie vor die Schlüssel nicht übermittelt hatte. Jeder weitere Tag ohne Übergabe sollte ihn 1.000 Dollar kosten. Die Übermittlung der Keys, ganz analog in winziger Schrift über mehrere Seiten, tat der Forderung nicht genüge.

Da ihm eine Anhörung verweigert wurde, erklärt Levison, konnte er formell keine Beschwerde gegen diese unüblicherweise ohne vorheriger Warnung durchgesetzte Anordnung einlegen, weswegen das Berufungsgericht in seiner Entscheidung im vergangenen April die Order für rechtmäßig erklärte.

Da das US-Höchstgericht sich üblicherweise nicht mit Berufungen auf rein verfahrensbedingten Gründen befasst, rechnet Levison nicht mehr mit einer weiteren Aufarbeitung. Auch aus diesem Grunde entschied er sich letztlich zur schnellen Schließung von Lavabit, um die Privatsphäre der Nutzer zu wahren.

Abschaffung von Geheimgerichten gefordert

Er fordert nun die Abschaffung von Geheimgerichten, da diese seiner Ansicht nach der Regierung erlauben, Bürger ihrer Möglichkeit zu berauben, sich vor staatlichem Machtmissbrauch zu schützen.

Dark Mail

Levison startete Ende 2013 die Dark Mail-Initiative via Kickstarter. Diese soll die Technologie, mit der Lavabit einst Nachrichten verschlüsselte, als Open-Source-Projekt in die Welt tragen. Das Ziel ist es, dass möglichst viele Anbieter darauf zurückgreifen, um sicherere E-Mail-Kommunikation zu etablieren. (red, derStandard.at, 21.05.2014)

kuppingercole

Video: Ladar Levison auf der EIC 2013

  • Ladar Levison auf der EIC 2013 über sichere E-Mail-Technologie.
    foto: eic 2013

    Ladar Levison auf der EIC 2013 über sichere E-Mail-Technologie.

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