Jugoslawische Arbeitervereine: "Orte der sozialistischen Folklore"

21. Mai 2014, 14:13
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Allein in Wien gab es mehr als 120 Arbeitertreffpunkte. Nach dem Zerfall Jugoslawiens verschwanden sie von der Bildfläche

Jugoslawien starb nicht von einem Tag auf den anderen. In den Arbeitervereinen lebte es sogar eine Zeitlang weiter. In den mehr als 120 Arbeitervereinen in Wien hatte sich eine jugoslawische Subkultur gebildet, deren Verschwinden der in Wien lebende Künstler Alexander Nikolić als eine "große unterschätzte Katastrophe" bezeichnet.

Als die jugoslawischen Arbeitervereine im Zuge des Verfalls Jugoslawiens ihren Vereinszweck nicht länger aufrechterhalten konnten und von der Bildfläche verschwanden, blieb vielen Gastarbeitern nichts anderes übrig, als den Rückzug ins Private anzutreten.

Mit Enthusiasmus aufgebaut

"Die Arbeitervereine wurden mit viel Enthusiasmus und in vielen freiwillig geleisteten Arbeitsstunden aufgebaut", erzählt Nikolić, der sich seit vielen Jahren mit dem Phänomen Gastarbeit und Migration beschäftigt.

Diese Auseinandersetzung hat auch einen persönlichen Hintergrund, sagt der Künstler und Aktivist, dessen Eltern aus Jugoslawien stammen: "Ich habe als Kind viele Kinder von Gastarbeitern gekannt. Ich selbst war, als ich in Wien auf die Welt kam, nicht fremd. Erst durch die Begegnung mit der Gesellschaft wurde ich fremd. Es war eine konstruierte Fremdheit, die nicht durch die Realität unterfüttert ist."

Gemeinsam ist man weniger fremd

Das Gefühl, fremd zu sein, dürfte ein Grund gewesen sein, warum viele jugoslawische Gastarbeiter das Bedürfnis hatten, viel von ihrer Freizeit mit Landsleuten in Arbeitervereinen zu verbringen. Allein in Wien gab es mehr als 120 solcher Räume, die für viele Menschen das wichtigste Sozialisationselement darstellten.

Schach, Literatur, Film, Karate

"Die Arbeitervereine waren Orte der sozialistischen Folklore", fasst Nikolić zusammen. Schach, Theater, Literatur, Film, Karate und vieles mehr wurde da angeboten, Kinder wurden in die Reihen der "Pioniere" aufgenommen, um das Jugoslawentum zu zelebrieren, denn Jugoslawien konnte damals mit zwei Wundern auftrumpfen: mit Basketball der Weltklasse und mit einer unwahrscheinlich progressiven und liberalen Kunstszene.

Kirchen und Moscheen statt Mehrzweckhallen

Die Arbeitervereine orientierten sich in ihrem Angebot an der damaligen flächendeckenden Infrastruktur in Jugoslawien. Fast in jeder Stadt gab es eine Mehrzweckhalle, in der Sport und Kultur Platz hatten. Das Kollektive wurde damals großgeschrieben. "Nach dem Krieg wurden diese Räume größtenteils durch Kirchen und Moscheen ersetzt", sagt Nikolić.

"Auswanderungswilliges Reserveheer"

Die jugoslawischen Gastarbeiter sollten auch im Ausland Jugoslawen bleiben. Der Staat verfolgte damit ideologische Ziele.

Nikolić erklärt das folgendermaßen: "Der jugoslawische Staat verfügte im marxistischen Sinne über ein auswanderungswilliges Reserveheer an Arbeitskräften. Die Idee war, dass diese Menschen nach einigen Jahren zurückkehren und das verdiente Geld in Jugoslawien investieren, denn Privatwirtschaft war damals nicht verunmöglicht, im Gegensatz zu den Ostblockländern."

Angst vor konterrevolutionären Umtrieben

Der junge sozialistische Staat hatte aber auch Angst, die ausgewanderten Landsleute könnten den Verlockungen der westlichen Marktwirtschaft erliegen, sie könnten antikommunistisch oder konterrevolutionär werden oder "verrückte nationalistische Ideen" aufschnappen.

Deshalb sollte sich das politische Leben im Ausland auf die staatlich kontrollierten und reglementierten Arbeitervereine beschränken. Paradoxerweise war es also ausgerechnet der jugoslawische Sozialismus, der den unpolitischen Arbeiter exportierte.

"Partners in Crime"

Eine solche Einschränkung der Möglichkeiten zur politischen Agitation kam auch der österreichischen Seite zugute, erklärt Nikolić: "Auch Österreich hatte Angst, die politisierten jugoslawischen Arbeiter könnten sozialistische Ideen ins Land bringen und ihre inländischen Kollegen aufstacheln, um für bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen." Daher wurden die Arbeitervereine sowohl von Jugoslawien als auch von Österreich unterstützt. "Beide Länder waren in dieser Sache sozusagen 'Partners in Crime', allerdings aus unterschiedlichen Motivationen heraus."

Keine Strategie für die Katastrophe

Mit dem Zerfall Jugoslawiens kam den Arbeitervereinen allerdings der Vereinszweck allmählich abhanden. Zunächst wollte man die Katastrophe jedoch nicht wahrhaben und versuchte den Status quo aufrechtzuerhalten. Es gab keine Strategie, mit der neuen Situation umzugehen, die Parole lautete erst einmal: "Wir reden nicht über Politik."

Naturgemäß ließ sich die Realität des Bürgerkriegs nicht lange verleugnen, eine massive Ethnisierung setzte ein, und die sozialen Interaktionen kollabierten. Ebenso wie Jugoslawien verschwand auch die Subkultur der jugoslawischen Arbeitervereine. Die Folge waren ein erzwungener Rückzug ins Private sowie der Verlust des sozialen Zusammenhalts. (Mascha Dabić, daStandard.at, 21.5.2014)

Alexander Nikolić betreibt seine künstlerische Arbeit im Rahmen von BOEM. Als Mitglied eines Künstlerkollektivs veranstaltet er Performances, organisiert Demonstrationen, fertigt Skulpturen an, beschäftigt sich mit Theorien etc.


  • Alexander Nikolić lebt und arbeitet als Künstler in Wien. Seine Projekte und Arbeiten behandeln Fragen von Klasse, Migration, urban-ruralen Konkfliktzonen, Partizipation und Netzwerken.
    foto: mascha dabic

    Alexander Nikolić lebt und arbeitet als Künstler in Wien. Seine Projekte und Arbeiten behandeln Fragen von Klasse, Migration, urban-ruralen Konkfliktzonen, Partizipation und Netzwerken.

  • Alexander Nikolić lebt und arbeitet als Künstler in Wien. Seine Projekte und Arbeiten behandeln Fragen von Klasse, Migration, urban-ruralen Konkfliktzonen, Partizipation und Netzwerken.
    foto: mascha dabic

    Alexander Nikolić lebt und arbeitet als Künstler in Wien. Seine Projekte und Arbeiten behandeln Fragen von Klasse, Migration, urban-ruralen Konkfliktzonen, Partizipation und Netzwerken.

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