Großbritannien: Grüne im Windschatten der Populisten

Blog21. Mai 2014, 11:18
45 Postings

Die britischen Grünen planen bei der Europawahl die Demütigung der liberalen Regierungspartei

Wenn die Demoskopen nicht gänzlich irren, steht der Gewinner der Europawahl in Großbritannien bereits fest. In den Umfragen liegt die EU-feindliche UKIP unter ihrem charismatischen Vorsitzenden Nigel Farage bei bis zu 30 Prozent, weit vor der konservativen Regierungspartei und Kopf an Kopf mit der Labour-Opposition. Dementsprechend konzentrierte sich in den vergangenen Wochen die Aufmerksamkeit der Londoner Medien auf Farage. Im Windschatten des nationalistischen Populistensturms scheint aber die kleine grüne Partei auf dem Weg zu ihrem ganz eigenen Sieg zu sein: Die Ökopaxe lagen zuletzt mit zweistelligen Umfragewerten vor der liberalen Regierungspartei auf Platz vier. "Wir könnten die Zahl unserer Abgeordneten verdreifachen", freut sich Parteichefin Natalie Bennett.

Riesengroß würde die grüne Gruppe deshalb noch nicht: Bei der letzten Wahl schafften zwei Vertreterinnen den Sprung ins Europaparlament. Und selbst wenn die Grünen beim Urnengang am Donnerstag wirklich zwölf Prozent auf sich vereinigen, wie vom Institut Yougov prophezeit, besteht keine Garantie, dass sie tatsächlich ein halbes Dutzend Männer und Frauen nach Brüssel schicken können. Dagegen spricht die regional ungleiche Verteilung der grünen Anhänger: Sie konzentrieren sich im prosperierenden Süden Englands. Aber die Zahl der Abgeordneten scheint vielen grünen Aktivisten weniger wichtig zu sein als die Demütigung der Liberaldemokraten.

Protestwähler von Labour und Konservativen

Deren Profilierung als Partei des Umweltschutzes und der Menschenrechte hatte die kleine Ökopartei in den 1990er-Jahren an den Rand gedrängt. Lang konnten die Lib-Dems mit teilweise widersprüchlichen Programmideen Protestwähler sowohl von den Konservativen als auch von Labour für sich gewinnen. Der harte Regierungsalltag seit der Wahl 2010 (23 Prozent) hat ihre Anhängerschaft auf eine Kerngruppe von rund 10 Prozent reduziert. Auf zwei große Gruppen von Enttäuschten, die Studenten und die Umweltbewegten, zielen nun die Grünen ab. "Die Abschaffung der Studiengebühren ist eine unserer populärsten Programmideen", berichtet Bennett.

Während darüber im Europaparlament gar nicht entschieden wird, wollen die Grünen via Brüssel Einfluss auf die Energiepolitik der konservativ-liberalen Koalition in London nehmen. "Vor allem fordern wir mehr Energiesparen", sagt Bennett. "Die Häuser in Großbritannien haben die schlechteste Wärmedämmung in Westeuropa." Einig sind sich die Grünen auch mit vielen Gesinnungsgenossen auf dem Kontinent in der strikten Ablehnung der Schiefergasgewinnung. Hingegen will die Regierung die neue Art der Energiegewinnung bald erheblich erleichtern, obwohl drei Viertel der Bevölkerung dagegen sind.

Versuchter Landfriedensbruch

Einem Protest gegen Experimente mit Schiefergas verdankt die bekannteste Grüne neue Prominenz: Caroline Lucas, einzige grüne Unterhausabgeordnete aus der Universitätsstadt Brighton, wurde kürzlich wegen Landfriedensbruchs angeklagt, vor Gericht aber freigesprochen. Nur mit solchen außerparlamentarischen Aktionen haben es die Grünen zuletzt in die Medien geschafft. Sollten sie am Donnerstag tatsächlich die Lib-Dems abhängen und bei der Kommunalwahl gut abschneiden, dürften grüne Themen bei den Regierungsparteien rasch wieder en vogue sein. (Sebastian Borger, derStandard.at, 21.5.2014)

  • Protest gegen die UKIP-Partei im Süden Londons.
    foto: ap/tan

    Protest gegen die UKIP-Partei im Süden Londons.

  • Das traditionell EU-skeptische Land Großbritannien wählt bereits am Donnerstag.
    foto: apa/epa/facundo arrizabalaga

    Das traditionell EU-skeptische Land Großbritannien wählt bereits am Donnerstag.

Share if you care.