"Wolfenstein: The New Order" im Test: Maschinenmenschen lachen und weinen nicht

21. Mai 2014, 11:10
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Die Neuinterpretation des Kultspiels ist eine ernste, bildgewaltige Dystopie, der es an Glaubwürdigkeit fehlt

Im Zug nach Berlin stößt man zum ersten Mal auf Frau Obersturmbannführer Engel, als sie einen für einen kleinen Eugeniktest zu Tisch bittet. Ihr schallendes Gelächter wird vom eigenen Schweigen hervorgehoben. In der Haut des amerikanischen Widerstandskämpfers B.J. Blazkowicz gibt es in einer fiktiven Nazi-Welt in den 1960er-Jahren nichts zu lachen.

Zwischen Tragik und Satrie

Es ist eine Anspannung, wie man sie von der Eröffnungsszene aus Quentin Tarantinos Inglorious Basterds kennt. "Judenjäger" Hans Landa, ein Glas Milch, eine übergroße Pfeife und flüchtige Juden versteckt im Boden unter ihm, das Tötungskommando lautlos vor der Türe. Bitterer Ernst wird durch die komödiantische Entstellung des Bösen karrikiert und verschärft zugleich.

Frau Engel ist ein weiblicher Landa und die Pfeife ist ihr kichernder Begleiter, der Schönling Bubi. Das Versteck ist das "arische" Antlitz des verdächtigten Protagonisten und im Hintergrund wartet in Form eines gigantischen Maschinenmenschen seelenruhig der Tod, sollte man der Situation nicht gewachsen sein. Eine Überzeichnung des Grauens, die in der Neuinterpretation des Egoshooter-Vaters "Wolfenstein 3D“ (1992) in jeder Einstellung wiederkehrt. Doch im Unterschied zu den unglorreichen Bastards trifft "Wolfenstein: The New Order" die feinen Töne zwischen Tragik und Satrie nur sehr selten. Anstelle dessen kippt die Melodie alsbald in Moll ab und verhallt hier ungehört in Inkonsequenz.

Erschlagendes Vaterland

Es dauert allerdings eine Zeit, bis man verstanden hat, woran man ist. Zu düster und beeindruckend ist die digital realisierte Dystopie eines siegreichen Dritten Reichs. Bildgewaltig ragen Albert Speers größenwahnsinnige Kuppelbauten über den Dächern der deutschen Hauptstadt und dem kapitulierten London. Sogar über den USA wurde ein erstickender Betonteppich ausgerollt, der von haushohen Robotertrupps flachgedrückt wird. Blazkowicz, der im letzten Sturmlauf der Alliierten  schwer verwundet wird, erwacht nach einem 14 Jahre andauernden Koma in dieser Schreckenswelt wieder, wie sie Schriftsteller Robert Harris bereits 1992 in seinem grandiosen Roman "Fatherland" erdachte.

Doch anstatt von der Übermacht des "Vaterlandes" erdrückt zu werden, ist der aus dem Nirwana rückkehrende amerikanische Soldat fest entschlossen, zurückzuschlagen. Und so trist das Fortschreiten der Zeit bebildert wird, so abrupt wird es durch den auferstandenen und ungebrochen feuerstarken Superhelden gestoppt. 14 Jahre im Delirium und kein Muskel geschrumpft. 20 Jahre Nazi-Übermacht und kein Anflug von Überwältigung. Als hätte die Endzeit nur darauf gewartet, in den Hintern getreten zu werden.

Ein Mann gegen das Reich

Es ist diese Unentschlossenheit der Autoren, die "The New Order" zum kurzweiligen Shooter, aber unglaubwürdigen Drama macht. Die Satire kratzt nur an der Oberfläche und fördert eine Liebes- und Freundschaftsode zu Tage, die schnell zum Trittbrett für banalere Schießgelüste wird. So aussichtslos die Situation mit einer Hand voll überlebender Untergrundkämpfer geschildert wird, wird der Spieler am Abzug brachialer Tötungsinstrumente kehrtwendend zum unbesiegbaren Supersoldaten. Eine über Jahrzehnte gewachsene Staatsgewalt aus Stein, Stahl und Atomenergie beginnt unter dem Druck eines einzigen Mannes zu zerbröseln. Ein Mann, der wie ein Fliege an der Windschutzscheibe zerklatschen müsste.

Trivialer Teufel

Chancen bietet das Skript viele, um einen nachvollziehbaren Überlebenskampf zu skizzieren. Anstelle dessen wird aufs Gas gestiegen und ein Regimesturz im Eilzug angesteuert. Rund 15 Stunden stellt man sich ledernen Widersachern, mechanischen Kampfhunden und bestialischen Menschmaschinen. Man Infiltriert Gefängnisanlagen, befreit Mitstreiter, taucht mit dem Uboot in die Tiefe des Meeres ab, dringt in eine Geheimbasis am Mond ein, sieht seinen Kameraden beim Sterben zu und verliert dabei nicht ein einziges Mal sein Ziel aus den Augen: Nicht Hitler, sondern General Totenkopf.

Eine folternde, geisteskranke und überaus triviale Verkörperung des Teufels, vor der man sich nicht richtig fürchten, aber  sie auch nicht richtig skurril finden kann. Zu unentschlossen schlägt das Metronom in beide Richtungen aus.

Spielerischer Stimmungswechsel

Spielerisch wird der Stimmungswechsel weit besser gemeistert. Entkoppelt von der bedrückenden Szenerie hat man als unerschütterlicher Muskelprotz die Freiheit, über seine tödliche Vorgehensweise zu entscheiden. Nahtlos wechselt man vom lautlosen Killer mit dem Messer zum pulverisierenden Berserker. Das Standgeschütz im Anschlag werden gesichtslose Gegnerhorden zerfetzt oder mit dem Lasergewehr in eine Blutwolke verdampft. Die abwechslungsreiche Mischung aus Schleichen und Ballern wird mit der Einstreuung von Kommandaten erzwungen, die nach Verstärkung schreien, sollten ihre Stimmbänder vorher nicht aus dem Hinterhalt durchtrennt werden.

Alternative Pfade und ein unbequem anzusehender Enstcheidungsmoment zwischen zwei Zeitlinien spornen den Entdeckergeist an. Dafür braucht es auch keinen aufgesetzten Mehrspielermodus oder ähnliche Ablenkungen. Überflüssig wirkt hingegen die Einstreuung altbackener Gameplaymuster, die ein manuelles Aufsammeln sämtlicher Gegenstände, Waffen und Munition erfordert. Das ist nicht vertiefend, sondern mühsam. Denn atmosphärisch gibt es tatsächlich genug zu erleben, ohne dass man ständig tastenklopfend Leichen plündern möchte. Die Suche nach Verstecken lohnt sich noch dazu, da man mit gefundenen Schätzen seine Fertigkeiten flotter ausbauen kann.

Fazit

Der flotte Taktwechsel im Spiel und die einprägsamen Kulissen trösten zumindest  streckenweise über das verschenkte Potenzial und die erzählerische Unentschlossenheit der Schöpfer hinweg. "The New Order" hat die Fassade eines deprimierenden Paralleluniversums und das menschliche Leid, um dies auszudrücken. Doch letztendlich passt dies nicht mit der Groteske des Originals und der Getriebenheit der veraltet übermenschlichen Heroisierung des Protagonisten zusammen, der die Handschrift eines Untergrundkommandos und nicht die eines Napalmbombers tragen müsste. Aus dem Koma erwacht, durch die Liebe seiner Pflegerin gerettet und in das Leid der neuen Weltordnung gestoßen, möchte man in letzter Konsequenz mehr Feingefühl als einen weiteren, bleigeschwängerten Superheldenaufguss.

Zensur und Mühen

"Wolfenstein: The New Order" ist in Österreich und Deutschland geschnitten erschienen. Sämtliche nationalsozialistischen Hinweise und Symbole wurden durch fiktive Zeichen ersetzt. Herausgeber Bethesda sichert sich damit eigenen Angaben nach gegen rechtliche Einsprüche ab, wenngleich es sich offensichtlich um ein Antikriegsspiel handelt. Der tristen Stimmung macht dies keinen Abbruch. Enttäuschend ist allerdings, dass die deutschsprachige Fassung auch eine alternative englische Originalsprachausgabe vermissen lässt. Noch dazu, wo die Installation des Games inklusive 5 GB Day-One-Patch satte 51 GB auf der Festplatte einnimmt. (Zsolt Wilhelm, derStandard.at, 21.5.2014)

bethesdasoftworksde
Trailer: "Wolfenstein: The New Order"

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Das getestete Rezensionsexemplar zu "Wolfenstein: The New Order" für PS4 wurde von Bethesda Softworks zur Verfügung gestellt.

  • "Wolfenstein: The New Order" ist für PC, PS4, PS3, X360 und XBO erschienen. Alterseinstufung: ab 18 Jahren (USK). UVP: 49 Euro (PC) bis 59 Euro (Konsole)
    bethesda softworks

    "Wolfenstein: The New Order" ist für PC, PS4, PS3, X360 und XBO erschienen. Alterseinstufung: ab 18 Jahren (USK). UVP: 49 Euro (PC) bis 59 Euro (Konsole)

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