Der Chronist fragwürdiger Methoden

20. Mai 2014, 18:31
13 Postings

"Die globale Überwachung" zeigt, dass der Kreativität der NSA keine Grenzen gesetzt sind

Rund ein Jahr ist vergangen, seit sich Glenn Greenwald auf den Weg nach Hongkong machte, um einen Informanten mit dem Decknamen "Verax" zu treffen. Der "die Wahrheit Sagende", so die Bedeutung von "Verax" auf Lateinisch, entpuppte sich als Edward Snowden. Bis heute spricht Greenwald seinen eigenen Angaben zufolge fast täglich mit dem US-amerikanischen Whistleblower.

Die folgenreiche Begegnung führte dazu, dass Greenwald bis heute als einziger Journalist im Besitz aller Dokumente ist, die Snowden aus internen NSA-Servern heruntergeladen hat. Deshalb war Greenwald auch an fast jeder Enthüllung über den US-Geheimdienst beteiligt. Jetzt fasst er die Affäre in einem neuen Sachbuch zusammen.

Die globale Überwachung zeigt, dass der Kreativität der NSA keine Grenzen gesetzt sind. Greenwald wirft darin dem datengierigen US-Militärgeheimdienst vor, er verwanze Botschaften, manipuliere Produkte von US-Technikfirmen und spioniere gezielt das Sexleben von Verdächtigen aus.

Zum Erreichen ihrer Ziele kooperiere die NSA eng mit IT-Konzernen wie Microsoft und Nachrichtendiensten anderer Länder - darunter auch Österreich, das im Buch mehrfach als Partnerstaat des US-Geheimdienstes Erwähnung findet.

Greenwald warnt in seinem Buch eindringlich vor den psychologischen Konsequenzen des Datensammelns: Gemäß eines Panoptikums fühlten sich Menschen nunmehr ständig überwacht und passten ihr Verhalten daher verstärkt an soziale Normen an. Das ersticke aber Widerspruch und Kreativität - zwei Grundpfeiler der Entwicklung.

Das Argument, gegen Überwachung sei nur, wer etwas zu verbergen habe, lässt der Journalist nicht gelten: Niemand ließe es zu, würden Videokameras in seiner Wohnung installiert werden. Außerdem stünden nicht normale Bürger im Fokus, sondern politisch Andersdenkende.

Scharfe Kritik übt Greenwald an traditionsreichen US-Medienhäusern: New York Times und Washington Post hätten sich regierungstreu und feige verhalten, so Greenwald, der mit The Intercept eine eigene Nachrichtenwebsite gegründet hat. Dort will er weiter über die NSA berichten - ganz im Sinne von Verax. (Fabian Schmid, DER STANDARD, 21.5.2014)

Glenn Greenwald: "Die globale Überwachung. Der Fall Snowden, die amerikanischen Geheimdienste und die Folgen". Droemer/Knaur 2014, 368 S., 20,60 Euro

Share if you care.