Cyberspionage: Zwei nackte Kaiser

Kommentar20. Mai 2014, 18:04
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Im Nuklear-Zeitalter gab es noch vertrauensbildende Maßnahmen, im Cyberage ist das kaum noch möglich

Es ist ein wenig theatralisch: Mit Wanted-Plakaten suchen die US-amerikanischen Behörden fünf chinesische Staatsbürger, allesamt angeblich Mitglieder der geheimnisumwobenen Hacker-"Einheit 61398" der Volksbefreiungsarmee. Sie sollen große US-Konzerne wie Westinghouse, Alcoa, Solarworld oder U.S. Steel ausspioniert haben. Die Anklage lautet auf "Diebstahl von Handelsgeheimnissen" zum Vorteil chinesischer Unternehmen.

Auch wenn die Aussicht auf eine Aburteilung gegen null tendiert, der Fall ist aus mehrerlei Hinsicht interessant: Es zeigt sich einmal mehr, dass die Grenzen zwischen Cyberspionage und Cyberkriegsführung äußerst diffus sind, die digitalen Scharmützel, die sich US-Dienste und chinesische Militärs liefern, finden auf vielerlei Ebenen unterhalb eines offenen Konflikts in der Cyber-Domäne statt.

Die aktuellen, datenforensisch belegten Vorwürfe - sie beruhen auf einem Bericht der US-Sicherheitsfirma Mandiant von 2012 - dürften einigermaßen stichhaltig sein, auch wenn die Chinesen anderes behaupten. Aber genauso stichhaltig ist, dass die NSA den chinesischen Telekom-Ausrüster Huawei systematisch ausspioniert hat.

Wann immer in Washington und Peking mit dem Finger auf den jeweils anderen gezeigt wird, beschuldigen einander zwei nackte Kaiser. Im Nuklear-Zeitalter gab es noch vertrauensbildende Maßnahmen, im Cyberage ist das kaum noch möglich. Und das macht die Lage gefährlich. (Christoph Prantner, DER STANDARD, 21.5.2014)

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