Russland will China beflügeln und Gas geben

20. Mai 2014, 18:01
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Während der Westen Russland mit Sanktionen droht, wird Wladimir Putin in Schanghai mit allen Ehren empfangen

"Zwischen uns gibt es keine Differenzen. Im Gegenteil: Wir haben große Pläne und sind fest entschlossen, sie zu verwirklichen" - die Worte Wladimir Putins richteten sich bei weitem nicht nur an seine Gastgeber, den in China immer noch mächtigen Ex-Parteichef Jiang Zemin und Präsident Xi Jinping, in Schanghai. Die Botschaft ist auch ganz klar an den Westen adressiert. Sie lautet: Wenn ihr nicht mit uns wollt, dann können wir uns auch mit China arrangieren und Russland Richtung Asien führen.

Seit Jahren spielt diese Option Moskaus in den politischen und wirtschaftlichen Verhandlungen als Komponente mit - nie war sie so aktuell wie jetzt in der Ukraine-Krise. Während Premier Dmitri Medwedew daheim im Interview dem US-Sender Bloomberg erklärte, "ein Land wie Russland hält absolut alle Sanktionen aus", soll Putins zweitägiger China-Besuch dem Westen die Konsequenzen solcher Sanktionen demonstrieren. Vor seinen Augen begann am Dienstag ein riesiges russisch-chinesisches Flottenmanöver. Auch wirtschaftlich rücken beide Länder noch enger zusammen. Laut Präsidentenberater Juri Uschakow sollen mehr als 40 Verträge unterzeichnet werden - ein Rekordwert.

Gemeinsamer Flugzeugbau

Die Luftfahrt könnte dabei zu einem der wichtigsten Kooperationsfelder werden. Angedacht ist der Lizenznachbau des schweren russischen Transporthubschraubers Mi-26 in China. Bereits unterzeichnet wurde ein Joint Venture zum Bau eines neuen Langstreckenflugzeugs. Dabei geht es um Investitionen über zehn Milliarden Dollar. Die Details hier sind freilich noch unklar: Wo produziert werden soll, steht ebenso wenig fest wie die Zahl der Zulieferer. Klar ist: Im Bereich Luftfahrt ist Russland China technisch noch überlegen. China würde also von russischem Know-how profitieren. Gleichzeitig könnten die Chinesen die Ukraine und den dort ansässigen Konzern Antonow als Partner der Russen ersetzen.

Die Schlüsselfrage der Beziehungen konnte am ersten Tag allerdings noch nicht gelöst werden: Die Frage nach den Gaslieferungen bleibt weiter offen. Ab 2018 will Russland über die geplante Pipeline "Stärke Sibiriens" 38 Milliarden Kubikmeter Gas an China liefern mit der Option, die Menge auf 60 Milliarden Kubikmeter aufzustocken. Doch beide Seiten feilschen seit Jahren ums Geld. China will keine europäischen Preise zahlen.

Um den vor allem wegen seiner psychologischen Wirkung wichtigen Vertrag zu retten, opferte Putin in einem Kompromissvorschlag die von Russland auf das Gas erhobene Bodenschatzsteuer, was Moskau wohl derzeit pro Jahr etwa 400 Millionen Euro kostet - Tendenz steigend. China bot im Gegenzug an, auf die Mehrwertsteuer zu verzichten.

Rosneft-Chef Igor Setschin, der sich mit seinem Konzern gute Chancen ausrechnet, am Gasexport nach China mitzuverdienen, lobte Putins Initiative als "sehr interessanten Vorschlag", den man nutzen könne, doch offenbar hakt es immer noch beim Kleingedruckten. Am ersten Tag der Visite wurde nichts unterzeichnet. Gasprom und Co müssen in eine weitere Verhandlungsrunde.

Es zeigt sich aber auch: China ist trotz seiner steigenden Bedeutung als Absatzmarkt für die russische Rohstoffindustrie noch kein adäquater Ersatz für Europa. 2015 werde der Handel mit China auf ein Volumen von 100 Milliarden Dollar steigen, bis 2020 auf 200 Milliarden, verkündete Putin. Beeindruckende Zahlen, doch im Vergleich zum Handel mit der EU immer noch mickrig. Dort wurde der 100-Milliarden-Umsatz heuer bereits im ersten Vierteljahr überschritten mit deutlichem Bilanzüberschuss für Russland. Diese Zahl wurde allerdings als deutlicher Rückgang beklagt. (André Ballin aus Moskau, DER STANDARD, 21.5.2014)

  • Vom Westen isoliert, sucht Wladmir Putin sein Heil im Osten: In China wurde er überaus wohlwollend von Präsident Xi Jinping und dessen Frau empfangen. Es wird nicht nur wirtschaftlich, sondern auch militärisch kooperiert.
    foto: ap

    Vom Westen isoliert, sucht Wladmir Putin sein Heil im Osten: In China wurde er überaus wohlwollend von Präsident Xi Jinping und dessen Frau empfangen. Es wird nicht nur wirtschaftlich, sondern auch militärisch kooperiert.

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