"Gefahr wächst, dass der 'gläserne Bürger' entsteht"

20. Mai 2014, 17:23
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Stadtforscher Martin zur Nedden erklärt, was eine City wirklich smart macht und welche Risiken für die Gesellschaft in der Hinwendung zu technologisch geprägten Konzepten schlummern können

Von der Kleinstadt bis hin zur Metropole bezeichnet man sich heute europaweit gern als "Smart City ". Was eine City aber tatsächlich smart macht und welche Risiken für die Gesellschaft in der Hinwendung zu technologisch geprägten Konzepten schlummern können, erfuhr Franziska Zoidl von Martin zur Nedden.

STANDARD: Definitionen gibt es mittlerweile so viele wie Smart Cities. Wie lautet Ihre?

Zur Nedden: Das ist ja schon ein Artikel für sich. Es ist ein sehr umfangreiches und neues Thema mit einer Vielzahl von Definitionen als Folge. Nach meinem Verständnis geht es darum, sowohl die technologische Komponente als auch die "Social Resources" einer Stadt so zu verknüpfen, dass es für Stadt, Bürger und die nachhaltige Entwicklung ein möglichst optimales Ergebnis gibt. Es ist ein erster Baustein bei der Realisierung des Prinzips der Nachhaltigkeit.

STANDARD: Sind alle anderen Städte nicht smart - also blöd?

Zur Nedden: Nein, Thema und Begriff sind noch vergleichsweise jung, sehr viel ist noch im Entstehen. Die Städte sind alle noch in einem Lernprozess. Es gibt einige, die das Thema sehr offensiv angehen, und es gibt andere, die nicht ganz so schnell sind, was bei diesem Thema kein Nachteil sein muss. Wenn man Smart City als Bestandteil von nachhaltiger Stadtentwicklung nimmt, arbeiten alle Städte in Deutschland und Österreich daran. Smart City ist aber nicht der einzige Weg zur Lösung der Probleme. Auch das umfassende Prinzip der nachhaltigen Stadtentwicklung ist wichtig. Es ist auch schon länger in Gebrauch und stärker verankert.

STANDARD: Besteht die Gefahr, dass der Begriff "Smart City" zum reinen Marketinggag wird?

Zur Nedden: Sowohl im öffentlichen als auch im privaten Bereich gibt es eine intensive Auseinandersetzung mit dem Konzept Smart City. Aber man muss sich bewusst sein, dass es nicht nur eine Frage von technologischen Lösungen ist, sondern es auch eine starke gesellschaftliche Komponente gibt. Es ist zwingend, in einer integrierenden Handlungsweise alle Aspekte zu prüfen, um wirklich einen Nutzen für Stadt, Bürger und Umwelt zu erreichen. Dass der Begriff auch mal von dem einen oder anderen zu Marketingzwecken benutzt wird, halte ich für verkraftbar.

STANDARD: Blieb es bisher vielerorts beim vielversprechenden Konzept?

Zur Nedden: Das Bild von der Smart City ist noch nicht fertig. Es gibt unterschiedliche Vorstellungen, was alles dazugehört und gerade angesichts der IT-Entwicklung, die Tag für Tag neue Dinge hervorbringt, gibt es keinen Zustand, in dem man sagen kann: Wenn ich das erreicht habe, dann bin ich die Smart City. Das ist ein Prozess, der wahrscheinlich nie ganz abgeschlossen wird.

STANDARD: Gibt es Vorzeigestädte, die schon weiter sind?

Zur Nedden: Es gibt in vielen Städten interessante Pilotprojekte, beispielsweise intelligente Ampelsysteme und intelligente Carsharing- oder Fahrradverleihsysteme im Verkehrsbereich. München und andere Städte sind gerade dabei, Konzepte umzusetzen, um aus Abwasser Energie zu gewinnen.

STANDARD: Birgt das Konzept Smart City auch Gefahren?

Zur Nedden: Aufgrund der Bedeutung von Informationstechnologien bei einer Smart City steigt die Menge an gesammelten Daten und damit die Möglichkeit, Daten zu verknüpfen. So wächst die Gefahr, dass der "gläserne Bürger" entsteht. Daraus ergibt sich auch vor dem Hintergrund der NSA-Thematik die Frage: Wie weit darf Datensammlung gehen?

STANDARD: Oft wird kritisiert, dass städtische Strukturen in Smart Cities in private Hände fallen könnten.

Zur Nedden: Hier sind Städte, Bund und Land gefordert, sehr deutlich und möglichst zügig Positionen zu entwickeln, die sicherstellen, dass der öffentliche Sektor die rahmensetzende Ebene bleibt und nicht die Gefahr einer Machtverlagerung in den privaten Sektor entsteht oder weiter vergrößert wird.

STANDARD: Ist die gewünschte gesellschaftliche Partizipation bei einer Smart City wirklich für alle Akteure möglich?

Zur Nedden: Die Frage ist berechtigt. Die Gefahr, dass sozial schwächere Schichten tendenziell weniger Möglichkeiten haben, ist nicht auszuschließen. Auch damit muss man sich auseinandersetzen. In diesem Zusammenhang ist auch die Frage der Akzeptanz von Bedeutung. Auch die sinnvoll eingesetzten Technologien von Smart City entfalten nur Wirkung, wenn sie von den Menschen genutzt werden. Schon aus diesem Grund ist die Einbindung der Bürger in die allgemeine Diskussion sowie bei der Entwicklung von Konzepten und Projekten von zentraler Bedeutung.

STANDARD: Ist die gesellschaftliche Komponente die Hauptherausforderung bei Smart Cities?

Zur Nedden: Es ist zumindest eine sehr zentrale Herausforderung. Man darf nicht unkritisch der Faszination technischer Möglichkeiten erliegen, ohne die gesellschaftlichen Konsequenzen abzuwägen. Die Orientierung am Gemeinwohl muss handlungsleitend sein.

STANDARD: Wie macht sich Wien als Smart City?

Zur Nedden: Ich habe den Eindruck, dass man hier durchaus verantwortungsvoll mit der Thematik umgeht. (DER STANDARD, 17.5.2014)

Martin zur Nedden (62) ist wissenschaftlicher Direktor und Geschäftsführer des Deutschen Instituts für Urbanistik in Berlin.

  • Martin zur Nedden: "Städte, Bund und Land sind gefordert, möglichst zügig Positionen zu entwickeln."
    foto: david außerhofer

    Martin zur Nedden: "Städte, Bund und Land sind gefordert, möglichst zügig Positionen zu entwickeln."

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