Die Osteuropa-Fantasie liegt auf Eis

20. Mai 2014, 17:54
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Österreichische Unternehmen und Banken haben ihre Direktinvestitionen in Osteuropa im Vorjahr auf den niedrigsten Stand seit 1999 gedrosselt

Wien - Heimischen Unternehmen ist die Investitionslust in Osteuropa vergangen. Im vergangenen Jahr sind die heimischen Investitionen in Zentral-, Ost- und Südosteuropa auf nur noch 1,5 Milliarden Euro eingebrochen. Das ist laut den Daten der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB) der niedrigste Stand seit 1999. "Osteuropa - bitte warten", fasste OeNB-Statistik-Chef Johannes Turner die Tendenz zusammen. Zwar würden Firmen ihre Gelder aus der Region nicht abziehen. "Wenn Investitionen stattfinden, dann im Bereich der Kern-EU-Länder", sagte Turner.

Dabei betonte OeNB-Vizechef Andreas Ittner, dass Osteuropa "langfristig für heimische Unternehmen weiter interessant" bleibe. Man werde allerdings kaum an Jahre wie 2007 und 2008 heranreichen, als gerade heimische Banken jeweils fünf Milliarden Euro in Osteuropa investiert hatten. Dieses Jahr könnte sich das relativ schwache Interesse noch mehr abkühlen. Denn die angespannte Situation zwischen Russland und der Ukraine ist nicht nur politisch brisant, sie dürfte auch die Wirtschaften Osteuropas und die Investitionslaune ausländischer Anleger eintrüben. So haben heimische Banken bereits den Rückzug aus der Ukraine angekündigt.

Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) hat vergangene Woche ihre Wachstumsprognose für die Region von Osteuropa bis Zentralasien nahezu halbiert. 2014 dürfte demnach nur ein Wachstum von 1,4 Prozent zu Buche stehen.

Außenhandel

Inwieweit das den österreichischen Außenhandel treffen könnte, ist für die OeNB noch nicht abzuschätzen. Allerdings ist Russland immer wichtiger für heimische Exporte und im Vorjahr mit einem Volumen von 3,5 Mrd. Euro auf Rang zehn der internationalen Abnehmer für heimische Produkte vorgerückt.

Bei den Investitionen haben sich heimische Unternehmen und Banken aber wieder stärker nach Westen orientiert. Die Niederlande, Deutschland und Norwegen dominierten im Vorjahr als Zielländer heimischer Investitionen. Dazu beigetragen hat etwa der Rückzug des Stromkonzerns Verbund aus der Türkei, der mit einem Tausch gegen deutsche Kraftwerke den Markt verlassen hat. Unter den zehn wichtigsten Zielländern für heimische Investitionen waren nur drei aus Zentral-, Ost- und Südosteuropa: Kroatien, Tschechien und Serbien.

Zwei Rekorde gefallen

Insgesamt hat sich der heimische Außenhandel aber im Vorjahr stark entwickelt. Der Überschuss der Leistungsbilanz ist auf rund 8,4 Milliarden Euro gestiegen. Das spiegle die hohe Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Wirtschaft wider, betont man bei der OeNB.

Mit 15,4 Milliarden Euro weist die Dienstleistungsbilanz einen Rekordüberschuss aus. Besonders bei den technologieintensiven EDV-, Architektur- und Ingenieursleistungen sei die Dynamik hoch gewesen. Rekordwerte gab es auch vom Tourismus: Ausländische Touristen haben mit 15 Milliarden Euro noch nie so viel Geld im Land gelassen wie 2013. Zugleich gaben Österreicher im Ausland etwas weniger aus. Damit kletterte der statistische Überschuss in der Reiseverkehrsbilanz auf 7,5 Mrd. Euro. (sulu, DER STANDARD, 21.5.2014)

  • Baustelle Osteuropa? Nur noch drei Länder wie etwa Tschechien sind unter den Topzielländern für heimische Direktinvestitionen.
    foto: epa

    Baustelle Osteuropa? Nur noch drei Länder wie etwa Tschechien sind unter den Topzielländern für heimische Direktinvestitionen.

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