Prozess in Wien: Der Blinde, der den Blinden Geld stahl

20. Mai 2014, 18:31
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Ein 59-Jähriger soll als Geschäftsführer eines Blindenverband-Institutes jahrelang in die eigene Tasche gewirtschaftet haben. Aus Liebe, sagt er

Wien - Verteidiger Elmar Kresbach erzählt in bewegten Worten, wieso sein Mandant Erico Z. zum Betrüger geworden ist. "Er ist langsam, schleichend, ein Behinderter geworden", erzählt der Jurist dem Schöffensenat unter Vorsitz von Andrea Philipp.

Z. leidet an einer Erbkrankheit, die bei Männern dazu führen kann, dass sie im Laufe des Lebens erblinden. Bei dem 59-Jährigen trat das ein. Bis dahin "stand er auf der Sonnenseite des Lebens", schildert Kresbach, der den unbescholtenen Angeklagten seit Jahren privat kennt.

Von Sonnen- auf die Schattenseite

Die Krankheit führte ihn in den Schatten, sagt der Staatsanwalt. Zwischen 2005 und 2009 soll Z. als Geschäftsführer eines Bildungsinstitutes des Blindenverbands und Vizepräsident eines Lions Club zehntausende Euro in die eigene Tasche gesteckt haben.

Das gesteht er auch, aber es ist ihm wichtig, zu betonen, dass davon nichts übrig ist. Denn er brauchte es für die Liebe.

"Meine damalige Frau konnte nicht mit meiner Erblindung umgehen und hat sich abgewandt. Da habe ich versucht, sie mit einer Großzügigkeit, die ich mir nicht leisten konnte, ihre Zuneigung zu erkaufen", erzählt er Philipp.

Geschenke für die Frau

Denn seine Managerjobs in gehobenen Hotels und bei den Casinos hatte er verloren, die Arbeit beim Blindenverband brachte weniger ein. "Und damit haben Sie ein Luxusleben finanziert?", will die Vorsitzende wissen. "Ich weiß nicht, ob es ein Luxusleben war. Ich habe meiner Frau Geschenke gemacht und bin mit ihr auf Reisen gegangen. Die waren eine Möglichkeit, sie an mich zu binden."

Also begann er, fingierte Rechnung auszustellen und Spenden auf sein eigenes Konto umzuleiten. Allzu schwer war das nicht: Er schrieb den korrekten Empfängernamen auf die Überweisung, aber seine Kontonummer. Prüfungen gab es zwar, er vertuschte aber die Malversationen: "Es war eine Loch-auf-Loch-zu-Politik."

Kompensation für Blindheit

Sein Verteidiger Kresbach stellt klar, dass die Krankheit "keine Entschuldigung und Rechtfertigung ist, aber eine Erklärung". An den Senat appelliert er: "Sie müssen sich vorstellen, dann geht langsam das Licht aus. Er hat es mit Äußerlichkeiten kompensiert, um einen gewissen Standard halten zu können."

Der Senat scheint sich von diesem Appell beeindrucken zu lassen. Bei einer Strafandrohung von einem bis zehn Jahre Haft verhängt er nicht rechtskräftig 21 Monate, davon sieben unbedingt. (Michael Möseneder, derStandard.at, 20.05.2014)

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