"Sei du zufrieden, liebes Publikum, wir sterben mit"

20. Mai 2014, 17:34
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Jean Genets provokantes Theaterritual "Die Neger" wird im Juni im Rahmen der Festwochen im Theater Akzent aufgeführt. Regisseur Johan Simons erklärt, warum man sich gerade in der Kunst unangenehmen Wahrheiten stellen muss

München - Die Proben für Jean Genets Die Neger laufen in München auf Hochtouren. FestwochenPremiere der Koproduktion ist am 3. Juni im Theater Akzent. Sorgen, das Unternehmen könnte rassistisch aufgefasst werden, versucht Simons behutsam zu zerstreuen.

STANDARD: Kritik an Genets "Die Neger" entzündet sich nicht allein am Titel. Zuletzt wurde kolportiert, Sie hätten das Stück lieber "Die Weißen" genannt. Das habe Peter Stein als Inhaber der Übersetzungsrechte abgelehnt.

Simons: Wir hatten überlegt, den Titel zu ändern. Doch bevor Stein ablehnte, waren wir der Meinung: "Das Stück heißt einfach ,Die Neger'. Man muss mutig sein und es dabei belassen!" Also ließen wir den Plan fallen. Dann erst folgte Steins Ablehnung.

STANDARD: Gab Stein eine Begründung für sein Urteil?

Simons: Er sagte: "Es ist ganz einfach: Das Stück heißt so, und fertig." Die Neger handeln schließlich von Diskriminierung. Man kann auch ganz blöde sagen, es sei ein historisches Drama. Es erzählt die Kolonialgeschichte nach. Was in Österreich und Deutschland noch einmal etwas anderes bedeutet als in Belgien, Holland oder Frankreich. Da waren die Österreicher und Deutschen einfach weniger blöd ...

STANDARD: Weil sie zu spät dran waren?

Simons: Stimmt, sonst wären sie genau dieselben Kolonialherren geworden. Der belgische König Leopold und Kaiser Wilhelm II. haben um den Kongo regelrecht gekämpft. Leopold gewann. Das Stück zeigt jedenfalls, wo die Schwarzen herkommen. Es geht darauf ein, was die schwarze Kultur ausmacht, worin ihre Mythologie besteht. Genet wird von den "Blackfacing"-Kritikern übelgenommen, dass er als weißer Autor von weißen Schauspielern gespielt wird. Anfangs legte Genet sich auch auf schwarze Schauspieler fest. Dann wurde das Verbot zugunsten von Peter Steins Berliner Schaubühnen-Inszenierung in den 1980ern aufgehoben.

STANDARD: Fragt Genet nicht auch: Was heißt es überhaupt, ein "Schwarzer" zu sein?

Simons: Es geht um Farbe. Die Figur Archibald fragt, was ist Schwarz, Weiß, Rot, Grün? Der Hang zur Diskriminierung steckt in uns allen drin. Niemand ist frei davon.

STANDARD: Was genau meinen Sie damit?

Simons: Ich komme aus einem niederländischen Dorf und wurde christlich erzogen. Am Montag mussten wir immer nach der Schule Geld mitnehmen. Bevor wir anfingen, fromme Lieder zu singen, gingen wir an einer Figur mit einem Schlitz am Kopf vorüber. Das war ein "Neger". Hatte er die Münze geschluckt, machte er: "Danke." Wir Kinder dachten, wir täten etwas Gottgefälliges und Gutes.

STANDARD: Niemand dachte sich etwas dabei?

Simons: Ein idiotisches Bild. Ein weißes Kind steckt der Figur eines Schwarzen eine Münze in den Kopf. Das war auch die Zeit von Albert Schweitzer, der als Arzt diese berühmte Station in Lambaréné hatte. Der war mein großes Vorbild. Ich beschloss als Kind, die Schwarzen von der Existenz Gottes zu überzeugen.

STANDARD: Sie wollten sie missionieren?

Simons: Mit 14 dachte ich plötzlich, Gott gibt es nicht. Ich bin protestantisch aufgewachsen, streng calvinistisch. Mir hat ein Politiker einmal gesagt: Die große Strafe Gottes für die Protestanten ist, dass er nicht existiert.

STANDARD: Im Sinne von: unendlich nicht ist?

Simons: Genau, unendlich nicht ist. So begann die ganze Geschichte bei mir.

STANDARD: Die Schwarzen im Stück enteignen ihre weißen Unterdrücker. Sie nehmen ihnen die Sprache weg, die Art sich zu gebärden.

Simons: In unserem Ensemble ist ein einziger Schwarzer dabei. Weil wir alle Weiße sind, tragen einige Schauspieler schwarze Masken. Einige Weiße werden übrigens weiße Masken tragen. Am Ende stirbt die europäische Kultur, das steht so auch bei Genet. Unsere "Schwarzen" ohne Identität werden zum Schluss Weiße und sterben mit. Damit das Statement von Genet auch wirklich klar wird: Weg mit dem Plunder!

STANDARD: Wer bleibt übrig?

Simons: Ein Schwarzer. Bei Genet nehmen die Schwarzen irgendwann ihre Masken ab. Das geht bei uns nicht. Also sterben unsere "Schwarzen", die vorher "Victory!" gerufen haben, ebenfalls.

STANDARD: Dem Stück liegt noch ein anderes Kalkül zugrunde. Die "Neger" spielen Theater zur Unterhaltung eines weißen Publikums. Das geschieht, damit die Weißen nicht merken, dass die Realität über sie hereinbricht. Erst damit ist das Ende aller Zeit erreicht.

Simons: Als Ende aller Zeit nimmt man es wahr. Nur kommt die wirkliche Revolution nie zustande. Das Stück hört immer wieder auf. 20-mal bricht es ab. Es ist Theater im Theater im Theater, eine unendliche Spiegelung. Die Schauspieler sind Weiße mit schwarzen Masken - hallo, Blackfacing! Aber, liebes Publikum, sei du zufrieden, wir "sterben mit". (lacht)

STANDARD: Gehört manche Kritik, die am Stück laut wurde, nicht zu einer Kultur der Heuchelei?

Simons: Ich hatte mal ein Gespräch mit Okwui Enwezor, der ein Freigeist ist und das Haus der Kunst in München leitet. Er sagte zu mir: Also, du bist weiß. Ich bin schwarz. Wo warst du, als du 18 warst? Darauf ich: In meinem Dorf. Enwezor sagte: Als ich 18 war, war ich in New York. Ich, Enwezor, wusste viel über Kunst, wir besaßen zu Hause viele Bücher. Wer hat den längeren Weg zurückgelegt? Diskriminierung ist ein Thema, zu dem sich jeder selbst befragen muss. Der Kritiker des Blackfacing genauso wie ich.

STANDARD: Zeigt ein Stück wie "Die Neger" nicht auch das Recht der Unterdrückten auf Täterschaft?

Simons: Erst auf einer solchen Ebene wird die Frage nach der Ethik relevant. Das Stück Die Neger besitzt zahllose Ebenen. Es enthält die Lehren und Einflüsse des absolutistischen Theaters, der Absurden und der Surrealisten.

STANDARD: Verwunderlich für einen Außenseiter wie Genet, der doch keine solide Bildung besaß. Er zeigt sich geschichtsbewusster als viele seiner Kritiker.

Simons: Er hatte im Gefängnis natürlich auch viel Zeit zum Lesen.

STANDARD: Die Bibliotheken waren gut in den Gefängnissen?

Simons: Besser als die heutigen. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 21.5.2014)

Johan Simons (67) ist Niederländer. Der Regisseur leitet noch bis 2015 die Münchner Kammerspiele, ehe er die Intendanz der Ruhrtriennale (bis 2017) übernimmt.

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www.festwochen.at

  • Johan Simons packt das angeblich missverständliche Stück Jean Genets (1910-1986) furchtlos an.
    foto: epa/ roland weihrauch

    Johan Simons packt das angeblich missverständliche Stück Jean Genets (1910-1986) furchtlos an.

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