Ein Hauch von Euromaidan in der EU

24. Mai 2014, 09:51
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Polen gilt als wichtigster Verbündeter Kiews in der Ukraine-Krise. Doch rufen die Nationalisten vom Maidan die Erinnerung an frühere Massaker zurück. Dadurch kommt es zu Spannungen im Grenzgebiet

Zu ihrem durch und durch schwarzen Outfit trägt Maria Tucka notgedrungen bunt gesprenkelte Gummistiefel. Am östlichen Ende der EU regnet es, wie auch im restlichen Teil Europas. Hektisch kehrt Tucka den Boden im sogenannten Narodny Dim, der provisorischen Zentrale der ukrainischen Gemeinde in Przemysl. Sie will hier noch ein bisschen Ordnung schaffen, bevor die nächsten Gäste eintrudeln. Schließlich strömen hier minütlich Menschen mit ukrainischen Wurzeln hinein, um mit ihr zu reden; der Präsidentin der ukrainischen Gemeinde.

Nur zwei Gehminuten vom zentralen Marktplatz der polnischen Stadt, die sich rund 13 Kilometer westlich der polnisch-ukrainischen Grenze befindet, ist eine Art Vorposten der Ukraine stationiert. Hier in der Tadeusza Kosciuszki 5 wird Ukrainisch gesprochen, ukrainisch gedacht und in Zeiten wie diesen ausnahmslos ukrainisches Fernsehen konsumiert. Die Krise im Nachbarland nimmt auch im Karpatenvorland eine Hauptrolle ein. Polen gilt als einer der wichtigsten Verbündeten der Ukraine, nichts fürchtet Warschau mehr als eine weitere direkte Grenze zu Russland. Doch die Unterstützung für die Euromaidan-Bewegung schwindet, seit sich die Berichte über ukrainische Nationalisten häufen. Swoboda, Rechter Sektor und wie die umstrittenen Organisationen alle heißen, erinnern die Polen an jene Zeiten, als die Ukrainer sie bis zum Massaker bekämpften.

Przemysl, eine polnische Stadt mit rund 70.000 Einwohnern in der Woiwodschaft Karpatenvorland. Die polnisch-ukrainisch Grenze ist rund 13 Kilometer entfernt: 

Maria Tucka kann eine Menge von der Beziehung zwischen Polen und Ukrainern erzählen. Die 53-Jährige ist nicht nur seit 2005 Präsidentin der lokalen ukrainischen Gemeinde, sondern auch als unabhängige Kandidatin im Stadtrat vertreten sowie Lehrerin an der einzigen ukrainischen Schule in Przemysl. Sie repräsentiert die rund 400 offiziellen Mitglieder der ukrainischen Gemeinde und die etwa 3.000 ukrainischstämmigen Bürger in Przemysl. Fast alle besitzen die polnische Staatsbürgerschaft, doch betrachten sie sich als Ukrainer. Ihre Vorfahren zogen nach Przemysl, als die Stadt noch Teil der Ukraine war.

"Seit 1991 (Anm.: seit Polen und die Ukraine die Unabhängigkeit erlangten) hat sich die Beziehung zwischen den beiden Ländern sukzessive verbessert", sagt Tucka. Als im vergangenen November die Proteste in Kiew gegen Präsident Wiktor Janukowitsch begannen, kam es zu einer Solidarisierungswelle in Polen. "Wir sammelten Kleidung, Medikamente und Geld für die Demonstranten am Maidan", berichtet Tucka mit Stolz. Mit "wir" meint sie die ukrainische Gemeinde, doch halfen auch zahlreiche Polen mit. Und der polnische Premier Donald Tusk wird seitdem nicht müde, von der EU härtere Maßnahmen gegen Russland zu fordern.

foto: derstandard.at/hoang
Maria Tucka ist Präsidentin der ukrainischen Gemeinde in Przemysl. Derzeit hat sie mit negativen Medienberichten über die Ukraine zu kämpfen. 

Doch diese kompromisslose Unterstützung Polens für den kriselnden Nachbarn hat zuletzt Risse bekommen. Es bedarf eines Blicks in die Geschichtsbücher, um die Ursachen zu verstehen. Anfang des 20. Jahrhunderts gehörte Przemysl als Teil des Kronlandes Galizien dem Habsburgerreich an. Nach dem Ende der Doppelmonarchie entflammten zwischen Polen und Ukrainern mehrere Konflikte um das heutige polnische Karpatenvorland. Im Zweiten Weltkrieg griffen dann auch die deutsche Wehrmacht und die sowjetische Rote Armee in dieser Region ein. In dieser Zeit, von 1942 bis zum Ende des Krieges, führten Nationalisten der Ukrainischen Partisanenarmee (UPA) - geduldet von den Deutschen - zahlreiche Massaker im damaligen ostpolnischen Wolhynien durch, denen bis zu 60.000 Polen zum Opfer fielen. Das "Wolhynische Gemetzel", wie es die Polen nennen, belastet seitdem das Verhältnis zwischen Polen und Ukrainern. Mal mehr, mal weniger; derzeit wieder mehr.

Eine wichtige Rolle bei den damals mordenden ukrainischen Nationalisten spielte nämlich Stepan Bandera, jener umstrittene Partisan, den sie in der Heimat gerne als Nationalhelden verehren; ansonsten aber einen Nazi-Kollaborateur und Massenmörder schimpfen. Und auf ebenjenen Bandera berufen sich derzeit auch die am Maidan aktiven nationalistischen Bewegungen wie Swoboda und Rechter Sektor.

foto: derstandard.at/hoang
Der Stadtpräsident von Przemysl, Robert Choma, kritisiert den Nationalismus auf dem Kiewer Maidan-Platz. 

Dies moniert auch Robert Choma, Stadtpräsident von Przemysl: "Die Aussagen dieser Nationalisten sind sehr schmerzhaft für uns Polen. Sie beziehen sich auch auf die Massaker von Wolhynien, und das beeinflusst natürlich das Verhalten Polens." Dass Russland außerdem noch die Einfuhr polnischen Schweinefleisches verboten hat, trägt auch einen Teil dazu bei, dass das polnische Engagement nachgelassen hat. "Viele Unternehmer spüren das deutlich", sagt Choma.

Die regionalen Medien haben dieses Thema dankbar aufgegriffen, kritisiert Maria Tucka. Hier in der Grenzregion treffe man schließlich einen wunden Punkt. "Sie berichten nicht über die positiven Seiten der Euromaidan-Bewegung, sondern nur über die negativen. Es geht nicht um Freiheit und Demokratie, für sie spielen die 'Faschisten' in Kiew die wichtigste Rolle." Als Beispiel nennt Tucka einen Medienbericht, wonach der Rechte Sektor Przemysl einnehmen wolle. Obwohl es keine Beweise dafür gab, so Tucka, hat dies ein breites ukrainefeindliches Echo hervorgerufen.

Schließlich haben die Nationalisten am Euromaidan auch Eingang in den polnischen EU-Wahlkampf gefunden. Mieczyslaw Golba, Kandidat der nationalkonservativen Oppositionspartei PiS ("Recht und Gerechtigkeit) für das Europaparlament, hielt am 3. Mai, dem polnischen Nationalfeiertag, eine Rede in Przemysl. Dabei zeterte er gegen die ukrainischen Nationalisten und forderte, jegliche Hilfe in der Ukraine-Krise einzustellen. Jan Baptminski, Vorsitzender des Stadtrats von Przemysl, soll während des darauffolgenden Applauses abwertend gepfiffen haben. Eine schriftliche Beschwerde Golbas gegen dieses Verhalten hatte schließlich Baptminskis Abwahl zur Folge.

foto: derstandard.at/hoang
Hinter Bäumen und Wohngebäuden steht die einzige ukrainische Schule in Przemysl.

Auch der ukrainische Nachwuchs in Przemysl bekommt das mitunter schwierige Verhältnis zwischen den beiden Nachbarländern zu spüren. In der ukrainischen Schule klagen sie über Diskriminierung auf den Straßen Polens. So sagt etwa die 17-jährige Agnieszzka Rybka: "Wenn wir mit unserem traditionellen ukrainischen Gewand, der Vyshyvanka, auf die Straßen gehen, werden wir ausgelacht oder sogar beschimpft. Sie bezeichnen uns als Faschisten oder sagen, dass unser Großvater ihren umgebracht hat."

Dies trägt dazu bei, dass einige der Schüler mit Swoboda oder Rechter Sektor sympathisieren. "Wir sind hier eine Minderheit und werden oft beschimpft. Deshalb unterstütze ich die Bandera-Bewegungen", erklärt Mykola Strilka, hochgewachsener, schlaksiger 17-jähriger Spross eines ukrainischen Bauunternehmers. "Für mich sind sie keine Faschisten, das ist russische Propaganda. Für mich sind sie Nationalisten, mit denen ich mich identifizieren kann. Ich denke, dass meine Nation wichtiger und wertvoller ist als andere Nationen."

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Mykola Strilka (rechts) sympathisiert mit den Nationalisten in Kiew. Seine Mitschüler wie Piotr Komer (Mitte) oder Tomek Komar (links) drücken sich besonnener aus. 

Seine Mitschüler drücken sich etwas besonnener aus, besonders der 17-jährige Piotr Komer ist um Relativierung bemüht. "Viele Polen hier verhalten sich normal gegenüber uns Ukrainern, nur eine kleine Minderheit beschimpft uns. Das Gleiche gilt für die Faschisten am Euromaidan. Es sind nicht viele, und nach der Präsidentschaftswahl am 25. Mai werden sie keine Rolle mehr spielen."

Maria Tucka hält vor allem die negative Konnotation des Wortes "Nationalismus" für falsch: "Es geht um die eigene Nation, die Erhaltung der eigenen Kultur mit all ihren Traditionen. Für die Ukrainer ist das so wichtig, weil sie jahrzehntelang unter Fremdherrschaft lebten." Als Beispiel nennt sie eine Freundin in Kiew, die lange eine Schule suchen musste, in der die ukrainische Sprache gelernt wird. Bei der fünften wurde sie fündig. In allen anderen Schulen stand Russisch im Mittelpunkt.

Zumindest in einem Punkt sind sich alle Seiten aber einig: In der Ukraine-Krise agiert die EU enttäuschend. "Brüssel hat der Ukraine anfangs sehr viel Appetit auf die EU gemacht. So betrachtet ist das jetzige Engagement der Union nicht proportional", kritisiert Stadtpräsident Choma. "Dass wirtschaftliche Interessen in der EU Vorrang haben, müssen wir akzeptieren. Doch hoffe ich, dass durch die EU-Wahl neue Leute in Brüssel an die Macht kommen, die die Situation in der Ukraine neu bewerten."

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Gedenken an die Opfer am Maidan-Platz in der ukrainischen Schule in Przemysl. 

Mykola Strilka, jener Schüler, der mit den Nationalisten am offensten sympathisiert, fordert die EU-Mitgliedschaft für die Ukraine. "Ich spüre keine Unterstützung von der EU oder den USA. Nur Polen unterstützt uns so, wie es sein sollte. Doch Polen allein reicht nicht." Er selbst darf noch nicht wählen, doch seine Eltern, so sagt er, werden von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen. Dass es etwas an der Situation in der Ukraine ändern wird, bezweifelt er.

"Diejenigen, die sich in der Ukraine am europäischsten verhalten, sind die Ukrainer selbst", kritisiert auch Maria Tucka die EU. Sie sieht einen Zusammenhang zwischen der mangelnden Unterstützung Brüssels in der Ukraine und der voraussichtlich niedrigen Wahlbeteiligung der Polen bei der EU-Wahl. Prognostiziert werden zwischen 27 und 30 Prozent. Hätte sie ein paar Wünsche frei, würde sie sich die EU-Mitgliedschaft für die Ukraine und Reisefreiheit für die Ukrainer im EU-Raum wünschen.

Das ist natürlich unrealistisch, das weiß Tucka. Dafür bittet sie regelmäßig höhere Kräfte um Hilfe. Der Großerzbischof der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche, der sie angehört, hat eine zusätzliche Passage ins Messgebet eingebaut: "Für die Einigkeit, für die Freiheit, für den Frieden in der Ukraine." (Kim Son Hoang, derStandard.at, 24.5.2014)

Entstanden im Rahmen von Eurotours 2014 – einem Projekt der Europapartnerschaft, finanziert aus Gemeinschaftsmitteln der Europäischen Union.
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