Darf Arbeit kein Vergnügen sein?

6. Juni 2014, 09:42
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Kinder werden früh auf "den Ernst des Lebens" vorbereitet: lange sitzen, höchstens kurze Pausen mit ein wenig Bewegung dazwischen. Arbeit und Vergnügen werden brav hintereinander gereiht

Wo und wann lernen Menschen (Arbeits-)Gesundheit? Nun, zuerst in der eigenen Familie. Da sind Vorbilder, die uns entweder zeigen, dass Bewegung Freude machen kann, oder die uns beibringen, dass es besser ist, die Hauptbewegung an die Finger auf der Fernbedienung zu delegieren.

Sollten wir das Glück der ersteren Variante gehabt haben, so ist unser Zugang zu Gesundheit und vor allem dem Verhaltensmuster im Arbeitskontext noch lange nicht erledigt. Im Kindergarten ist Bewegen schon einigen Regelungen unterworfen, weil die Sicherheit von 20 und mehr Kindern durch zwei oder drei Aufsichtspersonen nur mehr in kontrollierbaren Bedingungen (also mit Einschränkungen) ablaufen darf.

Dann kommen die Kinder ins Schulsystem. Der Schulbesuch, vor allem in Ganztagsschulen, ähnelt vom Grundcharakter her bereits der Arbeitswelt von Erwachsenen. Dabei lernen die Kinder neben den unterrichteten Inhalten vor allem lange zu sitzen und dazwischen kurz (Bewegungs-)Pause zu machen. Dieses System ist auch für die Lehrer krankmachend. Die hohen Burnout-Raten sprechen für sich.

Langes Sitzen verkürzt die Lebenszeit

Nach heutigem Stand des gesammelten Wissens über Gehirnentwicklung, Leistung, IQ-Punkte und Gesundheit ist bekannt, dass zu langes Sitzen die Lebenszeit verkürzt, zu lange Spannungsperioden (hohe Aufmerksamkeit = hoher Spannungsdruck) die Gehirnentwicklung negativ beeinflussen können (bis zum Ende der Pubertät kann das einen Unterschied von bis zu 20 IQ-Punkten ausmachen). Weiters wissen wir aus den Neurowissenschaften und der Lernforschung, dass Bewegung auch das Gehirn positiv stimuliert - dass kürzere, mit Bewegungsphasen kombinierte Lerneinheiten bessere Ergebnisse und sogar noch Spaß bringen.

Aber die Umsetzung all dieser wissenschaftlich bestens untersuchten Erkenntnisse lässt auf sich warten. Dafür sind wir dann wunderbar auf das vorbereitet, was uns in der Arbeitswelt erwartet: Stundenlang arbeitend entweder vorm Bildschirm zu sitzen, lange Phasen sich wiederholender Tätigkeitsabläufe abzuwickeln und das alles mit so wenig Pausen wie möglich, dafür mit stetig steigendem Leistungsdruck und in sich immer schneller drehenden Hamsterrädern.

Arbeitsgesundheit möglichst früh anlegen

Arbeitsgesundheit ist daher kein Muster, das die Mehrheit der Menschen entwickelt hat, und selbst wenn wir erkennen, dass gesünderes Leben gut für uns wäre, so ist das meistens eine logische Information und wenig emotional verknüpft. Genau diese Verknüpfung ist aber ein wichtiger Schlüssel zum Muster "Gesund verhalten" - und Arbeitsgesundheit sollte eigentlich so früh im Leben angelegt sein wie möglich. Dazu kommen traditionelle Bilder von Arbeit, die eben bereits im Schulbetrieb vorbereitet werden (der "Ernst des Lebens" usw.) und der wohl seit Generationen weitergetragenen Tradition, wie Arbeit und Vergnügen (Erholung) nicht in einem Miteinander-Verhältnis stehen, sondern schön brav nacheinander zu strukturieren sind.

Wer sich hier erwartet, gesund bleiben zu können ist es wohl schon nicht mehr. Heute, wo auch im Privat(er)leben Erholungsphasen immer mehr von Erlebniswelten abgelöst werden, ist das für die heranwachsenden Generationen keine gute Voraussetzung für Gesundheit. (Johann Beran, DER STANDARD, 17.5.2014)

Johann Beran ist klinischer und Neuropsychologe, Arbeitspsychologe und internationaler Organisationsbehandler.

  • Wir brauchen mehr Vorbilder, die uns zeigen, dass Bewegung Freude machen kann - auch als "längere" Arbeitspause.
    foto: www.istockphoto.com / rawpixel

    Wir brauchen mehr Vorbilder, die uns zeigen, dass Bewegung Freude machen kann - auch als "längere" Arbeitspause.

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