Mann hat es nicht leicht!

Kolumne21. Mai 2014, 09:58
83 Postings

An Eliteuniversitäten hat man es nicht leicht - ganz besonders, wenn man zu einer der privilegiertesten Gruppen überhaupt gehört

Ich bin WHAM! Also nicht die britische Popgruppe, die trotz ihrer über zwei Jahrzehnte zurückliegenden Auflösung alljährlich zur Weihnachtszeit mit "Last Christmas" aus dem Radio dudelt, sondern ein "white heterosexual able-bodied man". Das bedeutet unter anderem, dass man mir als Kind nicht wiederholt ungefragt in die Haare gefasst oder sich bei mir später als Erwachsener andauernd danach erkundigt hat, wo ich denn herkomme und wieso ich so gutes Deutsch spreche. Dass meine sexuelle Orientierung nicht als Schimpfwort benutzt wird und nie jemand wissen wollte, wann ich denn meinen Eltern erzählt hätte, dass ich auf Mädchen stehe. Dass mich Treppen auf dem Weg in einen Club oder zu einer Veranstaltung im zweiten Stock nicht aufhalten, während sich jemand im Rollstuhl fragen muss, wie schwer es denn bitte schön sein kann, ihn oder sie mitzudenken. Und dass ich nicht aufgefordert werde, Übergriffigkeit, Frechheiten und Paternalismus doch gefälligst als Kompliment aufzufassen.

Die Tatsache, dass ich diesen Situationen nie ausgesetzt gewesen bin, ist eines von vielen Privilegien, über die ich verfüge. Bislang bin ich davon ausgegangen, dass die Gesellschaft jemandem wie mir kaum mehr Wohlwollen entgegenbringen könnte. Aber seit einiger Zeit wispert es im Internet und raschelt es im Feuilleton: Menschen wie mir geht es auch sehr, sehr schlecht. Weil es von uns immer weniger gibt und weil wir uns andauernd für unsere Privilegien entschuldigen müssen.

"Check deine Privilegien"

Sehr medienwirksam wurde diese These jüngst von dem Studenten Tal Fortgang vorgetragen, dessen Beitrag in einer Zeitschrift seiner Universität Princeton vom "Time"-Magazin aufgenommen und mit einem zugespitzten Titel versehen wurde.

In seinem Text beschwert sich Fortgang darüber, dass die stehende Redewendung "Check deine Privilegien" immer wieder von Menschen ihm gegenüber verwendet wird, um seine Meinung in Debatten zu entwerten und lediglich auf seinen Status zu beziehen. Diese Menschen würden ihm zudem das Gefühl vermitteln, dass er sich permanent entschuldigen müsse. Er verweist darauf, dass seine jüdischen Großeltern unter dem Terror der Naziherrschaft alles andere als privilegiert waren und wie mühsam sich seine Familie einen Platz in der US-amerikanischen Gesellschaft erkämpft hat.

Abschließend stellt er für sich fest: "Ich habe meine Privilegien überprüft. Ich entschuldige mich für gar nichts."Die Geste, mit der Fortgang hier etwaige Forderungen nach Entschuldigungen von sich weist, ist nachvollziehbar. Vor dem Hintergrund einer Familiengeschichte von Holocaust-Überlebenden von anderen als privilegiert charakterisiert zu werden muss sich seltsam beziehungsweise sogar zynisch anhören. Zumal es ungute Tradition hat, die Nachkommen von Opfern des NS-Regimes dazu aufzufordern, sich nicht länger als Opfer zu fühlen. Aber Fortgang fegt mit seinen Ausführungen auch die Möglichkeit vom Tisch, dass er in anderen Zusammenhängen sehr wohl Privilegien genießt, über die es sich lohnen würde zu reflektieren.

Anerkennung bestimmter Umstände

Damit hat er einen Nerv getroffen. Während die einen ihn feiern, erklären die anderen ihn kurzerhand zu einem Blödmann.

Hinter dieser Verzerrung in beiderlei Extreme steht jedoch ein echtes Phänomen, dass nicht nur in den USA immer sichtbarer wird: Ein WHAM, der sich auch als Opfer fühlt und als solches wahrgenommen wissen will. Was WHAMs dabei allerdings nicht zu verstehen scheinen, ist, dass zum einen niemand eine Entschuldigung für ihre Privilegien von ihnen verlangt, sondern lediglich die Anerkennung bestimmter Umstände. Und zum anderen verhindert gerade ihre ständige Relativierung von Privilegierungsstrukturen, dass Probleme, die WHAMs haben können, von anderen ernst genommen werden. Selbstverständlich verdienen auch WHAMs Mitgefühl und Unterstützung – dass sie sich allerdings, um entsprechende Forderungen danach zu erheben, mit Vorliebe Debatten aussuchen, in denen es um die Sichtbarmachung von Minderprivilegierten geht, macht die Sache nicht gerade einfacher. Viel zu häufig fallen sie dabei Menschen ins Wort, die ursprünglich darauf aufmerksam machen wollten, dass sie unter Missständen leiden.

Das hat dann keineswegs solidarischen Charakter, sondern ist davon geprägt, die Betroffenen (wieder) mundtot zu machen: Ja und?! Kann alles nicht so schlimm sein, wir haben es schließlich auch schwer.

Aber wieso sollte das eine das andere relativieren oder gar aufwiegen können? Inwiefern taugen die möglichen Widrigkeiten in meiner oder auch Tal Fortgangs Biografie dazu, Rassismus, Sexismus oder andere auf Ungerechtigkeit und Herabwürdigung basierende Strukturen in Abrede zu stellen?

Strukturelle Ungerechtigkeiten verstehen

Die Tatsache, dass man selbst unter einem bestimmten Umstand nicht gelitten hat, gibt einem noch lange nicht das Recht zu behaupten, er existiere gar nicht. Das persönliche Leid eines WHAMs wird nicht dadurch in Abrede gestellt, dass andere ihn auffordern, strukturelle Ungerechtigkeiten zur Kenntnis zu nehmen.

Trotzdem tun privilegierte weiße Männer so, als müssten sie sich die Aufforderung, ihre Privilegien zu hinterfragen, schon viel zu lange anhören. Dabei ist das Gegenteil der Fall: Die meiste Zeit mussten sie sich gar nichts anhören. Und genau darum geht es. (Nils Pickert, dieStandard.at, 21.5.2014)

  • Gut ausgebildet und weiß. Tal Fortgang meint: "Ich habe meine Privilegien überprüft."
    foto: ap/ joerg sarbach

    Gut ausgebildet und weiß. Tal Fortgang meint: "Ich habe meine Privilegien überprüft."

Share if you care.