Der subversive Volkstanz der frühen Jahre

19. Mai 2014, 17:57
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Geheimdienstmethoden vor der Wende: "Unsere Geheimnisse" von Béla Pintér im Museumsquartier

Wien - Volkstanzcamp, Jungpionierfasching, Fünfjahresplan: Das jüngste Stück des ungarischen Regisseurs Béla Pintér führt zurück in die 1980er-Jahre, in Ungarn, als sich ein Haufen wuschelköpfiger Männer mit lustigen Schlaghosen um die Befreiung des ungarischen Geistes von der kommunistischen Bevormundung kümmert. Die subversiven Tänzer und Volksmusiker (vgl. die ungarische Tanzhaus-Bewegung ab den 70er-Jahren) arbeiten auch im Untergrund, schreiben und verteilen illegale Zeitschriften.

Zwei überdimensional große, sich stetig drehende Tonbandspulen geben bei der Festwochen-Premiere in der Halle G im Museumsquartier das Bühnenbild ab - ein beunruhigendes Zeichen dafür, dass hier eine ausspionierte Gesellschaft zu sehen ist. Glück hat, wessen Fellhaube unverwanzt bleibt. Wobei ...

Die Gedichte der musikalischen Systemkritiker umfassen unschöne Reime, in denen Fäkalwörter wahlweise mit dem Fünfjahresplan oder ausgewählten Politikernamen in Verbindung gebracht werden.

Bald ist Schluss damit, denn Komponist István Balla Bán (Zoltán Friedenthal) hat am falschen Ort das Falsche gesagt: Er berichtete seiner Therapeutin gepeinigt von seinen pädophilen Neigungen. Deren Praxis war allerdings verwanzt, der Geheimdienst wird aktiv. Bald werden dem Musiker zwiespältige staatliche Ehrungen zuteil, um den Preis, fortan seine Freunde zu bespitzeln.

Ein zeitgenössisches Theater aus erzählbaren Geschichten und handfesten Figuren zu behaupten, das macht Béla Pintérs Könnerschaft aus. Er denkt sein Volkstheater aus der (Volks-)Musik heraus, aus deren Kraft, Emotionen, deren ungehöriger Energie. Pintérs Company zählt - neben Kornél Mundruczó, Árpád Schilling und Viktor Bodó - zu einer der vitalsten in der ungarischen Theaterlandschaft.

Dass "der Westen" seinen Inszenierungen zujubelt, verdankt sich auch dem Umstand, dass Pintér gesellschaftskritisch und aufklärerisch arbeitet, Ungesagtes ausspricht und der Vergangenheit seines Landes unnachgiebig auf den Zahn fühlt. Auch das Kalte-Krieg-Stück Titkaink (Unsere Geheimnisse) wirkt wie ein Durchschlagspapier der Repressionen der aktuellen ungarischen Regierung. Diese hat ihm bereits die Hälfte seiner Subventionen gestrichen. In Titkaink heißt das Kulturministerium, das im wahren Leben "Ministerium für Humanressourcen" titelt, nun "Ministerium für Animalressourcen".

Der akkurate, witzige Abend versprüht in seiner narrativen Geradlinigkeit und seinem Well-made-Sein einen Hauch von gestern; dazu trägt auch der pittoreske Blick auf die 1980er-Jahre (die gefinkelterweise aussehen wie bei uns die 1970er) bei. Doch genau damit überrascht diese Produktion, sie behauptet sich über diese Patina hinaus mit einem starken Plot, nüchternen Dialogen und beachtlichem Schauspiel.

Béla Pintér (der Regisseur spielt immer mit) markiert in der Rolle des Imre Tatár einen ob seiner Mission als Systembekämpfer trinklustig gewordenen, machoiden Hardbody; Zófia Szamosi dessen naiv-systemtreue Frau, die am Ende aber die größere Karriere machen wird; Angéla Stefanovits spielt den Sohn, einen altklugen Halbwüchsigen, der vor der Volksmusik des Papa zu Johann Sebastian Bach flüchtet. Und Eszter Csákányi inthronisiert einen eiskalt und gleichermaßen stilvoll agierenden Geheimdienstchef (mit eigenem Geheimnis).

Zeitsprung in die Gegenwart

Zoltán Friedenthal taumelt als geschlagener Komponist durch dieses Panorama einer heterogenen Gesellschaft. Ein Zeitsprung in die Gegenwart zeigt, was aus ihnen allen später einmal geworden sein wird. Und wie es ist, den richtigen Preis von den falschen Leuten ausgehändigt zu bekommen.

"In 70 Jahren kommt das eh alles raus", meint der Ministerialbeamte. Doch in Ungarn wird über die Geheimdienstmethoden von einst offiziell so gut wie nicht gesprochen. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 20.5.2014)

Bis 21. 5.

  • Subversiver Volkstänzer und Untergrund-Redakteur aus dem Stück "Unsere Geheimnisse": Imre Tatár (Béla Pintér), derzeit zu Gast im Museumsquartier.
    foto: zsolt puskel

    Subversiver Volkstänzer und Untergrund-Redakteur aus dem Stück "Unsere Geheimnisse": Imre Tatár (Béla Pintér), derzeit zu Gast im Museumsquartier.

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