Schwabinggrad grüßt Russendenkmal

19. Mai 2014, 17:46
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Die russische Künstlergruppe Chto Delat (Was tun?) gestaltet heuer das Programm von "Into the City", einer interdisziplinären Veranstaltungsreihe im Rahmen der Wiener Festwochen - "Face to Face with the Monument"

Wien - Eigentlich wollte die russische Gruppe Chto Delat das Russendenkmal hinter dem Hochstrahlbrunnen am Wiener Schwarzenbergplatz einrüsten. Der sowjetische Bronzesoldat auf seiner Marmorsäule wäre dann im Nachbau eines der berühmten Türme von Wladimir Tatlin gestanden. Aber die Wiener russische Botschaft sagte "Njet".

Damit hatte das diesjährige "Into The City"-Programm der Festwochen, das von Birgit Lurz und Wolfgang Schlag kuratiert und von Chto Delat (zu Deutsch: Was tun) gestaltet wird, schon vor seinem Beginn am vergangenen Sonntag eine kräftige Aussage. Denn Tatlin war einer der wichtigsten Vertreter jener russischen Avantgarde, die ab Mitte der 1920er-Jahre systematisch ausradiert wurde. Damals war Josef Stalin bereits Generalsekretär der KPdSU. Und das heute unter Präsident Putin wieder gestreichelte "Väterchen" hatte etwas andere Vorstellungen von Kunst. Dafür ist das Heldendenkmal der Roten Armee von Michail Intesarjan aus dem Jahr 1945 ein Musterbeispiel.

Dem putinistischen Wandel müssen auch die Festwochen ins Auge sehen. Also heißt das Projekt der vor elf Jahren in St. Petersburg gegründeten Chto-Delat-Vereinigung aus Künstlern, Philosophen und Kritikern passend Face to Face with the Monument. Der Gedanke dahinter schließt an eine seit vielen Jahren zäh geführte Debatte darüber an, ob Monumente überhaupt noch zu einer modernen Demokratie passen. Das Hauptargument der Gegner von derlei Malen aus Trutz, Metall und Stein: Derlei Gedenk-Bombast zementiere vor allem die oft zweifelhaften Geschichtsideologien ihrer Erbauer.

Face to Face with the Monument präsentiert sich als rote Wand, die den von der Ringstraße gerichteten Blick auf die Heldensäule einschränkt. Hinter dieser Barriere befinden sich Container, Bühne, Tribüne und Zelt, um die und in der bis zum 14. Juni Performances, Ausstellungen, Vorträge und Workshops stattfinden.

Am Eröffnungssonntag waren die Performance sleepy hollows_rollende köpfe vom Künstlerduo bankleer (Karin Kasböck und Christoph Maria Leitner aus Berlin) und das choreografische Stück We are the Evidence of War von den Hamburger Gruppen Schwabinggrad Ballett und der Flüchtlingsinitiative Lampedusa zu sehen. Außerdem konnte man auf eine Audiotour mit dem Titel Looking for an Unknown Soldier (Frau Elsa und das Monument) von Olga Egorova gehen und an Nina Gastevas Workshop The Dancing Communities - Flying Monuments teilnehmen. Als Bonus war eine Ausstellung von Erich Klein über die Tücken des Denkmals zu besichtigen.

In sleepy hollows bewegten sich zwei große graue Betonschädel über den Asphalt, die EZB-Präsident Mario Draghi und Dutty Boukman, einen Protagonisten der haitianischen Revolution von 1791, darstellten. Ein dritter Kopf, jener der deutschen Kanzlerin Angela Merkel, lag matt auf der Seite. Innerhalb dieser Skulpturen befanden sich Schauspieler, die den Köpfen ihre Stimmen für ein intensives Gespräch liehen: "Man sollte am Ende der Demokratie nicht nur Griechenland vor seinen Rettern retten, sondern ganz Europa."

Das aktivistische Kollektiv Schwabinggrad Ballett ließ 13 Frauen und Männer auftreten, die einen Tanz um die Beziehung zwischen der Flüchtlingsproblematik und der Denkmaldiskussion aufführten. Ein Prachtbeispiel dafür, wie künstlerische und propagandistische Mittel nicht zusammengehen, wenn Erstere dilettantisch und Letztere stereotyp eingesetzt werden. Wie die Botschaft so eindeutig wird, dass sich die formalen Bemühungen dahinter sehr schnell als deplatziert erweisen und zur billigen Dekoration schrumpfen können.

Das spricht nicht gegen die aktivistische Performance. Aber sehr dafür, dass gerade bei dieser aus Respekt vor den sensiblen Inhalten besondere Qualitätsmaßstäbe angelegt werden müssten. Mit dem Problem steht das wackere Schwabinggrad Ballett allerdings nicht allein da: "Artivismus" ist ein wirklich anspruchsvolles Genre, das von seinen Vertretern allzu oft unterschätzt wird.

Face to Face with the Monument geht weiter. Unter anderem mit der Ausstellung State in Time, Vienna 2014 der slowenischen Gruppe Irwin. Und mit Masses and Motets Vol II. Exercises in Political Chorality am 24. Mai. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 20.5.2014)

  • Am Wiener Schwarzenbergplatz findet derzeit die Festwochen-Veranstaltungsreihe "Face to Face with the Monument" statt, hinter einer riesigen roten Wand.
    foto: thule g. jug / wiener festwochen

    Am Wiener Schwarzenbergplatz findet derzeit die Festwochen-Veranstaltungsreihe "Face to Face with the Monument" statt, hinter einer riesigen roten Wand.

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