Bank of England warnt vor Immobilienblase

19. Mai 2014, 17:39
17 Postings

Der britische Häusermarkt steht vor Problemen. Die Preise ziehen so schnell an, wie sie es seit Beginn der Finanzkrise nicht mehr getan haben

London - Mit einer dramatischen Warnung vor einer neuen Immobilienblase hat sich der britische Zentralbank-Gouverneur Mark Carney zu Wort gemeldet. Im Häusermarkt der Insel gebe es "tiefsitzende Strukturprobleme", teilte der Kanadier mit: "Das stellt das größte Risiko für die Finanzstabilität und die anhaltende Erholung der Wirtschaft dar." Die Bank of England (BoE) werde von ihrem Recht Gebrauch machen, der Regierung entsprechende Hinweise zu geben.

Seit seinem Amtsantritt im vergangenen Juli hat Carney eine erstaunliche Erholung der britischen Wirtschaft miterlebt. Das robuste Wachstum von zuletzt 3,1 Prozent hat dem Arbeitsmarkt willkommene Entlastung gebracht. Der Nationalen Statistikbehörde ONS zufolge lag die Arbeitslosenquote zuletzt noch bei 6,9 Prozent und damit um beinahe ein Prozent niedriger als noch im vergangenen August. Damals hatte Carney zukünftige Zinsentscheidungen mit der Situation auf dem Arbeitsmarkt verknüpft: Vom Rekord-Niedrigzins (0,5 Prozent) werde sein Haus frühestens wieder abweichen, wenn die Arbeitslosigkeit unter sieben Prozent gefallen sei. Bisher galt lediglich die Inflationsrate als Benchmark für die Zentralbanker. Diese lag mit 1,7 Prozent zuletzt unter dem angestrebten Ziel von zwei Prozent.

Die Situation auf dem Immobilienmarkt ruft seit mehr als einem Jahr die Skeptiker auf den Plan. Die Entwicklung hat sich seit Jänner nochmals beschleunigt. Zuletzt stiegen die Preise um 8,9 Prozent und damit so schnell wie seit der Finanzkrise nicht mehr - der letzte vergleichbare Anstieg war im Oktober 2007. In den ersten Jahren des Jahrhunderts hatten die Briten haltlos mit ihrem Wohnraum spekuliert und sich bis über die Halskrause verschuldet. Das war einer der Gründe, warum die Rezession auf der Insel so tief ausfiel wie in keiner der anderen großen Industrienationen.

Allerdings gibt es erhebliche regionale Unterschiede. In der Boomregion um die Hauptstadt London mussten Käufer für neuen Wohnraum um 16 Prozent mehr auf den Tisch legen als im Vorjahr; in Nordengland betrug der Anstieg sehr viel bescheidenere drei bis vier Prozent.

Carney warnte im Gespräch mit dem TV-Sender Sky vor allem vor übermäßig großen Hypothekenkrediten. Offenbar gibt es bei den bisher zögerlichen Banken wieder Appetit für Kredite, bei denen potenzielle Hauskäufer sich mit Summen verschulden, die mehr als viermal so hoch liegen wie ihr Jahreseinkommen. "Das werden wir sehr genau im Auge behalten." Einem neuen Gesetz zufolge kann die BoE britischen Geschäftsbanken vorschreiben, Privatkredite nach oben hin zu begrenzen.

Kassandrarufe

Immobilienmakler und Architekten warnten schon im vergangenen Jahr die Regierung vor den preistreibenden Folgen eines neuen Hilfsprogramms für Häuselbauer. Diese erhalten für Häuser bis zum Wert von 736.000 Euro ermäßigte Regierungskredite. Das Programm wurde in neun Monaten bereits 17.000-mal in Anspruch genommen. Wenn Carney eine Überhitzung des Marktes befürchte, werde die Regierung natürlich über eine Anpassung des Programms nachdenken, sagte der liberale Vizepremier Nick Clegg der BBC.

Der Zentralbank-Gouverneur kontrastierte die Situation auf der Insel mit den Zuständen in seinem Heimatland Kanada. Dort würden jährlich doppelt so viele neue Häuser gebaut. Tatsächlich sind in den vergangenen zwölf Monaten 133.650 neue Wohnungen und Häuser in Angriff genommen worden. Um den Bedarf der stetig wachsenden Bevölkerung zu decken, wären Experten zufolge aber bis 2031 beinahe 300.000 Immobilien pro Jahr nötig. (Sebastian Borger aus London, DER STANDARD, 20.5.2014)

  • Die Bank of England wacht über dem Immobilienmarkt des Landes mit Argusaugen. Es mehren sich die Stimmen, die vor einer Überhitzung des Marktes warnen.
    foto: apa/epa/facundo arrizbalaga

    Die Bank of England wacht über dem Immobilienmarkt des Landes mit Argusaugen. Es mehren sich die Stimmen, die vor einer Überhitzung des Marktes warnen.

Share if you care.