Hollywood, eine Vorhölle falscher Götter

19. Mai 2014, 17:20
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Bei den Filmfestspielen in Cannes wurde unter anderem David Cronenbergs neue, eisige Satire "Maps to the Stars" gezeigt, eine bitterböse Abrechnung mit der Albtraumfabrik Hollywood

Die Agentin bringt gute Nachrichten. Jene Rolle, auf die Hollywood-Star Havana Wegrand gehofft hat, ist plötzlich wieder zu haben. Der Grund: Der Sohn ihrer Konkurrentin ist im Swimmingpool ertrunken. Wegrand läuft in den Garten ihrer mondänen Villa und vollführt dort einen Freudentanz.

Dies ist eine der vielen abgründigen Szenen aus David Cronenbergs Wettbewerbsbeitrag Maps to the Stars. Den bitterbösen Film als Satire auf die Traumfabrik zu bezeichnen greift deshalb fast zu kurz. Der Kanadier porträtiert Hollywood als Ort, an dem das Verlangen nach Status, Geld und Ruhm eine fiese Mentalität hervorgebracht hat. Menschliche Regungen sind bloß minimal vorhanden. In Cannes spricht man bereits vom grimmigsten Film des Regisseurs.

Die von Julianne Moore grandios verkörperte Diva ist ein Ungeheuer unter vielen: Da wären noch Evan Bird als zynische Ausgeburt eines Kinderstars, für den Kolleginnen über 23 schon in der Menopause sind, ein maliziöser Therapeut (John Cusack) mit Vorliebe für hohle Motivationssprüche oder dessen aus der Familie verbannte Tochter Agatha (Mia Wasikowska). Sie dringt wie eine Stalkerin in Beverly Hills ein. Von ihrer Kindheit ist sie nicht nur durch Narben gezeichnet.

US-Schriftsteller Bruce Wagner (Wild Palms), der wie Robert Pattinson im Film selbst einmal Limousinenfahrer für Stars war, hat das Drehbuch geschrieben. Den Figuren dichtet er nicht eben wenige mentale Störungen an. Cronenbergs eisig-klare Regie, die kein Gramm Fett zu viel hat, schlachtet sie dafür nicht aus -- die Übersteigerung fängt sie mit Pointen und starren Perspektiven ab. Außenblick gibt es in Maps to the Stars keinen mehr, jede Neurose verweist nur auf die nächste. Wir befinden uns im Olymp eines Reichs falscher Götter, das seine eigenen kruden Mythen hervorbringt. Eine Untergangsvision. "Hell is a place without narcotics."

Vielleicht muss neues Kino so aussehen wie Bertrand Bonellos Saint Laurent, der aus der Vita des Starcouturiers ein faszinierendes Zeitbild formt. Auch für Exkurse über die Wechselwirkung von Mode und Kunst und die kommerziellen Verwandlungen einer Branche findet er Platz. Die Ausschweifungen des Modezaren, drogenumwölkte Partys zu Beginn der 1970er-Jahre, werden zwar nachgestellt. Doch den Filmemacher interessieren sie mehr als Ausdruck eines Lebensstils, den man eher aus dem Leben von Popstars kennt. Mit Farbspielen, Musikzitaten oder an Mondrian-Gemälden orientierten Splitscreens verortet Bonello den Film im Pop-Art-Umfeld des 20. Jahrhunderts.

Gaspard Ulliel spielt YSL als unnahbare Kunstfigur mit mildem Lächeln, einen Bruder von Andy Warhol, der ihn als Gefährten sah. Während sich Saint Laurent mit seiner Factory über den Zeitgeist allmählich hinwegsetzen wollte, baut sein Lebensmann Pierre Bergé (Jeremie Renier) das Unternehmen zum Franchise um. Die gesellschaftlichen Umbrüche bleiben bei Bonello spürbar. Im letzten Drittel ist Helmut Berger mit deutlichem Verweis auf Luchino Visconti als gealterter YSL zu erleben -- der Film springt jedoch wieder zurück in die Vergangenheit, verweigert sich Nostalgie.

Literarische Verdichtung

Klassizistischer geht Nuri Bilge Ceylan die Sache in Winter Sleep an, einem der Favoriten der Kritiker. In fast dreieinhalb Stunden breitet der in Cannes schon wiederholt prämierte türkische Regisseur sein an Tschechow-Dramen gemahnendes Sittenbild um einen ehemaligen Schauspieler aus. Dieser betreibt ein Ausflugshotel in Anatolien. Langatmig wird dies nie, denn die mit großer Sorgfalt arrangierten Dialogszenen sind ungemein gehaltvoll. So eng der Schauplatz ist, so breit ist das Panorama menschlicher Vortäuschungen und Vorhaltungen.

Aydin (Haluk Bilginer) ist, wie sich langsam offenbart, in der Gunst seiner Schwester Necla (Demet Akbag) und seiner jungen Frau Nihal (Melisa Sözen) merkbar gesunken. Die beiden lassen sich von seiner Rechtschaffenheit nicht mehr blenden. Seinem Überlegenheitsgefühl steht die Enttäuschung der Frauen gegenüber. Ceylan arbeitet in Winter Sleep mit einer literarischen Verdichtung, die sich auch formaler Schlichtheit verdankt. Die erzählerische Ökonomie ist makellos. Die Figuren wirken wie richtige Menschen, hinter ihrer Besonnenheit treten Kleinmut, Angst und Trauer über Versäumtes zutage. Wie Ceylan dies ans matte Winterlicht holt, ist große Kunst. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 20.5.2014)

  • Weltpremiere in Cannes: Julianne Moore als monströs-böser Filmstar Havana Wegrand in David Cronenbergs neuem Film "Maps to the Stars".
    foto: epa/cannes film festival

    Weltpremiere in Cannes: Julianne Moore als monströs-böser Filmstar Havana Wegrand in David Cronenbergs neuem Film "Maps to the Stars".

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