Studie: Lohnplus dank EU-Beitritts

19. Mai 2014, 17:26
614 Postings

93 Euro mehr Nettolohn im Monat dank EU verzeichnet ein mittlerer Einkommensbezieher, geht aus einer neuen Studie von EcoAustria hervor

Wien - Österreichs EU-Beitritt hat nicht nur Exporte, Investitionen und somit das Wirtschaftswachstum beflügelt, auch die Arbeitnehmer profitierten in Form höherer Löhne. Zu diesem Schluss kommt eine Untersuchung des Wirtschaftsforschungsinstituts EcoAustria, die dem STANDARD vorliegt. Demnach brachte die Mitgliedschaft in der Union von 1995 bis 2013 einen zusätzlichen Verdienst von 5,5 Prozent. Einem Median-Nettoeinkommensbezieher (1791 Euro) bleiben somit dank EU bei gleicher Stundenleistung inflationsbereinigt 93,16 Euro mehr in der Tasche.

Dieses Ergebnis steht einigermaßen im Widerspruch zu der gängigen Auffassung, dass der EU-Beitritt über stärkere Zuwanderung und größeren Wettbewerb auf die Löhne gedrückt hat. Das Wifo kam erst kürzlich zu dem Ergebnis, dass die Realeinkommen in den vergangenen 24 Jahren stagnierten. EcoAustria-Chef Ulrich Schuh führt seine Resultate auf folgende Wirkungsmechanismen zurück: Durch den Zuzug aus den EU-Ländern hat sich das Arbeitskräfteangebot seit dem Beitritt um rund 220.000 - überwiegend gut qualifizierte und auch jüngere - Personen erhöht.

Dadurch konnte die heimische Produktivität deutlich gesteigert werden, was sich wiederum positiv auf die Lohnabschlüsse auswirkte. Schuh räumt ein, dass sich die Pro-Kopf-Löhne wegen steigender Teilzeit in den letzten 20 Jahren schwach entwickelten, allerdings habe die höhere Beschäftigung die Haushaltseinkommen deutlich verbessert. Und ohne EU-Beitritt wäre das Resultat eben noch schlechter ausgefallen.

Den noch in Schilling gemessenen (Brigitte-)"Ederer-Tausender" habe die europäische Integration Österreich jedenfalls allein schon bei den Löhnen gebracht, niedrigere Preise durch gestiegenen Wettbewerb seien dabei noch gar nicht berücksichtigt, meint Schuh im Gespräch mit dem STANDARD

Investitionsschub

Andere Komponenten der Wirtschaftsleistung profitierten deutlich mehr von der Mitgliedschaft in der Union. Am stärksten legten laut Studie die Investitionen zu, die ebenfalls von der höheren Produktivität angetrieben wurden. Ihr Zuwachs wird in den Simulationen, die u. a. auf Vergleichen zum Nicht-EU-Mitglied Schweiz basieren, mit 0,76 Prozent jährlich angegeben. Der Außenbeitrag - die Differenz zwischen Exporten und Importen - verbesserte sich um 0,6 Prozent im Jahr.

Weniger stark beflügelt wurde der Konsum von der europäischen Integration - er legte um 0,35 Prozent p. a. zu. Alles in allem kommt Schuh, dessen Institut die Studie seinen Angaben zufolge aus eigener Initiative erstellt hat, auf einen positiven EU-Effekt auf die Wirtschaftsleistung von 0,6 Prozent im Jahr. Ein Verzicht auf die Mitgliedschaft hätte in absoluten Zahlen 35,8 Milliarden Euro des Bruttoinlandsprodukts gekostet.

Laut EcoAustria, das als arbeitgebernah gilt, ist die "Beitrittsdividende" über die Jahre deutlich abgeklungen. Ein Vergleich mit der Schweiz zeigt, dass der Produktivitätsfortschritt ab 2003 in eine Parallelentwicklung mündet. Seit Ausbruch der Finanzkrise machen die Eidgenossen wieder Boden gut. Für Schuh ein klarer Auftrag an die Politik, stärkere Wachstumsakzente zu setzen. (Andreas Schnauder, DER STANDARD, 20.5.2014)

  • Artikelbild
    grafik: standard
Share if you care.