Bertone-Pleite: Radikal schön bis in den Tod

20. Mai 2014, 13:31
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Die Carrozzeria Bertone ist Geschichte. Die Italiener beherrschten jahrzehntelang die Design-Szene, doch berühmt wurden sie für die Erfindung der ästhetisierten Brutalität

Lange währte das Siechtum, jäh kam das Ende. Seit Anfang Mai ist es Gewissheit: Bertone ist Geschichte. Nach 102 Jahren zog die Automobilgeschichte einer der wichtigsten und bedeutendsten Design-Schmieden des 20. Jahrhunderts den Stecker.

Schließlich war die Gruppo Bertone mehr als bloß eine schöngeistige Manufaktur für Autogestaltung, die sich darüber hinaus auf die Kleinserienfertigung und das Karossieren von äußerst potenter Technik verstand.

Das 1912 in Turin gegründete Unternehmen war ab dem Zweiten Weltkrieg einer der Leitsterne der Branche und gab über mehrere Jahrzehnte hinweg das Design und damit den Markenauftritt vieler Autohersteller vor. Alfa Romeo, Lamborghini, Fiat, Lancia, Opel oder Citroën – um nur einige zu nennen – griffen auf die Dienste von Stile Bertone zurück. Als mit den 1950ern die Blütezeit italienischen Automobildesigns anhob, waren die Turiner der Maßstab für gestalterische Innovation,  an den Zeichentischen werkten herausragende Talente, die früher oder später, meist an der Spitze eigener Salons, den Ruf der Italiener mehren sollten.

Ästhetisierter Brutalismus

Wie etwa Franco Scaglione, der der Welt die schrillen B.A.T.-Konzeptgeräte von Alfa Romeo schenken sollte. Oder der in vielerlei Hinsicht maßgebliche Giorgio Giugiaro, der 1959 zum Leiter des Bertone-Stilistik aufsteigen sollte. Später dockte ein gewisser Marcello Gandini bei den Turinern an. Beide waren mehr Künstler als Designer, die ein schnödes Automobil mit Aura aufzuladen vermochten. Bertone: Das stand für eine Art ästhetisierten Brutalismus, das Ausreizen des gestalterisch Machbaren und für flirrende Studien, denen die Zukunft nie ausging.

Zusammengehalten wurde die Künstlerkommune mit angeschlossener Fabrik von Giuseppe Bertone, Rufname "Nuccio". Der 1914 geborene Turiner war einer jener kernverrückten italienischen Allrounder, die sich in den 1920ern und 1930ern mit dem Rennsport infizierten, selbst im Cockpit saßen, ihre Boliden bis zum letzten Splint kannten – und irgendwann, meist aus Geldnot, begannen, über Kleinserien in das Autogeschäft zu finden: Enzo Ferrari, die Maserati-Brüder oder Vincenzo Lancia hießen die wesentlichen Vertreter dieser Spezies.

Masse und Macht

Bei Nuccio Bertone hingegen war die Gestaltung der Karosserien mehr als nur ein Faible. Der Mann, der 1934 in die Firma seines Vaters einstieg, war selbst ein überragender Formgeber, der sich auch in die Gestaltungsprozesse seiner Stars einbrachte. Daneben hatte Nuccio ein gutes Gespür fürs Geschäft: Bedarfskarosseriebau war eines, ein sehr einträgliches sogar.

Nach 1945 übernahmen die Italiener die Produktion diverser Kleinserien, mit denen sich die Hersteller nicht aufhalten wollten. Meist fehlte ihnen auch schlicht das Know-how. Fiat, Alfa, Simca, Lamborghini oder Opel ließen in der Nähe von Turin ihre Nischenmodelle fertigen – und adelten das Outsourcing mit einem Bertone-Logo an den Flanken. Imagetransfer nennt man das heute. In der Designabteilung perfektionierte man ab den 1950ern den Spagat zwischen massenkompatiblen Entwürfen und legendären stilistischen Experimenten.

Schleichender Tod

Als der Padrone hochdekoriert – sein Name schmückt die wesentlichen Weihestätten des Industriedesigns – im Jahr 1997 stirbt, sind die Heydays für das Unternehmen vorüber. Mitte der 2000er-Jahre gerät die Unternehmensgruppe in finanzielle Schieflage, die Fabrik in Grugliasco muss an Fiat verkauft werden, das Designstudio bleibt vorerst selbstständig und hält sich mit Auftragsarbeiten über Wasser.

2008 ist Bertone zum ersten Mal insolvent, 2011 werden gar die Ausstellungsstücke des Bertone-Museums verkauft, um die Firma über die Runden zu bringen. Doch Anfang dieses Jahres geht den Italienern endgültig das Geld aus. Im April keimt noch Hoffnung, mehrere Interessenten würden sich für die ehemalige Kultstätte interessieren, hieß es. Doch nach einem kurzen, zähen Ringen ist es nun Gewissheit: Bertone, über Jahrzehnte hinweg Erfinder der Zukunft, ist Vergangenheit.

Wir zeigen aus gegebenem Anlass einige Höhepunkte aus dem Schaffen von Stile Bertone. Eine Ansichtssache:

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foto: alfa romeo

Nachdem sich Bertone vor dem Zweiten Weltkrieg bereits mit einigen außergewöhnlichen Entwürfen (Fiat 501 Sport Siluro Corsa), einer fruchtbaren Zusammenarbeit mit Vincenzo Lancia und der schlauen Idee, den Bau von Einzelstücken in halbwegs profitable Kleinserien zu überführen, hervorgetan hatte, hob die Firma Anfang der 1950er richtig ab. Mit dem Coupé von Alfa Romeos Topseller Giulietta zeigte Bertone zum einen zukunftsweisende Designkompetenz, zum anderen baute man die hübsche Sprintversion gleich selbst. Schlaue Synergie.

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