Prozess in Wien: Der Thaiboxer und die folkloristische Erpressung

19. Mai 2014, 16:29
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Ein schwer bewaffneter 37-Jähriger soll versucht haben, von einem Brüderpaar 1000 Euro einzutreiben. Der Prozess bietet eine Überraschung

Wien – "Das war türkische Folklore am Mexikoplatz", sagt Verteidiger Werner Tomanek wie gewohnt launig zu dem Erpressungsvorwurf, der seinem Mandanten Adlen S. gemacht wird. Der 37-Jährige soll an nämlicher Örtlichkeit von einem Brüderpaar ultimativ die Begleichung von 1000 Euro Schulden gefordert haben.

Ein Treffen, zu dem er laut Tomanek "recht gut ausgestattet gekommen ist". Genauer: Mit einer geladenen Pistole, einem Schlagring, einem Teleskopschlagstock und einer Dose Pfefferspray.

Staatsanwältin Elisabeth Zuschrott-Gretzmacher wirft S. vor, Akin Ö. im Zuge der Auseinandersetzung zunächst mit der Faust ins Gesicht geschlagen und ihn dann mit der Schusswaffe bedroht zu haben. Für sie ein Fall von schwerer Erpressung, Körperverletzung und zum Drüberstreuen noch illegaler Waffenbesitz.

Wandernde Schulden

Die beiden letzten Vorwürfe gibt der Angeklagte zu. Nur: Erpresser sei er keiner. Die Geschichte dahinter ist etwas kompliziert. Er, S., habe einem gewissen Erkan einmal 2000 Euro geborgt. Nachnamen und Adresse von diesem kenne er nicht, ihn selbst aus dem Fitnesscenter, sagt der Thaibox-Trainer.

"Sie borgen jemandem 2000 Euro, obwohl sie nicht einmal seinen Nachnamen kennen?", wundert sich die Anklägerin. "Er war ehrlich."

So ehrlich, dass S. ihm glaubte, dass die Brüder Ö. wiederum Erkan Geld schulden. Da Erkan die Schulden bei S. nicht zahlen konnte, sollte der sich das Geld von den Brüdern holen.

Ausgerüstet wie ein Rambo

"Und dafür waren Sie ausgerüstet wie ein Rambo?", fragt Stefan Erdei, Vorsitzender des Schöffensenates. "Ich habe Angst gehabt." "Sie unterrichten Nahkampf und trauen sich nicht unbewaffnet auf den Mexikoplatz? Das ist aber keine gute Werbung für den Club", kommentiert der Vorsitzende.

Beim Auftritt der bulligen Gebrüder Ö. kann man das Unbehagen ein wenig nachvollziehen. Die beiden haben aber eine Überraschung zu bieten: Sie ziehen die Anschuldigungen völlig zurück, es sei so, wie Jugendfreund S. gesagt habe.

Widersprüchliche Aussagen

"Ich habe bei der Polizei gelogen“, sagt Opfer Akin Ö. dezidiert. Seltsam nur, dass sich die Geschichten der Brüder vor der Polizei, hier im Saal und im Vergleich zu denen des seit zwei Monaten in Haft sitzenden Angeklagten teils völlig widersprechen. Etwa bei der Beschreibung des ominösen Erkan.

Dennoch spricht das Gericht S. nicht rechtskräftig vom Hauptvorwurf frei. Für die Körperverletzung und den Waffenbesitz bekommt der Vorbestrafte vier Monate bedingt. (Michael Möseneder, DER STANDARD, 20.5.2014)

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