Auf ein Krügerl mit dem "österreichischen Bob Dylan"

19. Mai 2014, 10:07
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Seine besten Lieder schreibt er in fünf Minuten, manchmal versackt er auch nächtelang in den Beisln rund ums Stuwerviertel - dann holt ihn nur mehr sein Fernseher in die Realität zurück: der Nino aus Wien, der derzeit gleich zwei Alben auf einmal veröffentlicht

Wien - Fast pünktlich erscheint Nino Mandl in seinem Stammlokal, dem Café Dezentral im Stuwerviertel. Er kommt gerade von seiner Bandprobe und wirkt, bis auf die Gitarre auf dem Rücken, unauffällig wie immer: schwarzes Longsleeve, abgetragene Jeans.

Den Kellner grüßt Nino persönlich, auch die Gäste am Nebentisch scheint er zu kennen. Wir setzen uns in die schwarzen Ledersessel, schauen durch dicke Rauchschwaden auf mit Postern zugeklebte Wände. Bestellt wird Bier.

Ob er sich für unsere Leser einmal vorstellen kann? Nino winkt ab: "Wer mich kennenlernen will, soll sich erst mal selber vorstellen." Also übernehme ich das für ihn: Als "Nino aus Wien" wird der 26-Jährige schon mal mit Größen wie Bob Dylan verglichen, vorzugsweise von Kulturredakteuren. Sein Stil ist ein Mischmasch aus Wienerlied, Alternative Rock und klassischem Songwriting. Am Freitag sind gleich zwei Alben von ihm erschienen, Bäume und Träume. Die aktuelle Single Diese Person ist cool sei übrigens die schlechteste Nummer auf den zwei Platten, wie Nino nebenbei anmerkt.

Zu seinen Vorbildern zählen so unterschiedliche Künstler wie die Beatles, André Heller, die Ramones und Falco.

Mit Letzterem würde er auch definitiv ein Album aufnehmen, wenn er sich denn melden würde. "Gerüchte gibt es ja genug", sagt Nino und setzt ein verschmitztes Lächeln auf. Ironisch soll es an diesem Abend noch öfters zugehen, so viel ist sicher.

Der Vergleich mit Falco sei auch insofern gestattet, als die beiden einen gewissen Hang zum Exzess teilen. Er feiere zwar nicht oft, betont Nino, aber wenn er es denn tue, dann gerne einmal zwei Nächte durch, vorzugsweise in den Spelunken rund um den Prater, und mit Leuten, "bei denen man tagsüber eher die Straßenseite wechselt".

Austropop-Legenden à la Fendrich sind eher nichts für ihn, wahrscheinlich hätten sie sowieso kein Interesse an junger Musik. Die schreiben ihre genialsten Hits aber auch nicht in fünf Minuten, wie es 2009 bei Ninos ersten Erfolgen Holiday und Du Oasch der Fall war. "Ich steh sehr auf Tempo", meint er dazu.

Deswegen will er auch keine Bücher schreiben, dazu fehle ihm schlicht die Geduld. Gedichte hingegen kämen schon eher infrage, wenn er etwa einen Arm verlieren und mit der Musik aufhören müsste. Da das aber nicht geplant ist, bleibt er in Zukunft beim Gitarrespielen.

Kindheit in "Transdanubien"

Am produktivsten ist er zwischen 23 und 9 Uhr. Die tiefen Augenringe und seine permanente, seit Jahren andauernde Müdigkeit bezeugen das.

Beim Komponieren darf dann auch der Fernseher nicht fehlen - der fehlt aber nie: "Das Fernsehen hält mich an der Realität fest. Ein bisschen paradox ist das schon. Gerade so eine irreale Sache." Wirklich bewusst sieht er sich jedoch nur selten Sendungen an, Wien Tag & Nacht ist da eine Ausnahme. Die meiste Zeit lauscht er nur dem Ton, beim Schreiben läuft das Bild stumm im Hintergrund.

"Wahrscheinlich bin ich süchtig", vermutet er und bezieht das auch auf die Zigaretten, die er schon seit jeher raucht (schwarze John Players) sowie sein altes iPhone, von dem er auch während unseres Gesprächs kaum ablassen kann.

Über die Kindheit von Nino ist kaum etwas bekannt - ihm laut eigener Aussage auch nicht. Wie die Schulzeit damals war? "Kann mich nicht mehr erinnern." Sein Lächeln bedeutet: Themawechsel.

Nur so viel: Aufgewachsen ist er in Hirschstetten, mitten in Transdanubien. Wahrscheinlich ging es in seiner Jugend eher trist zu. Der berühmte Ausspruch - "Entweder man macht was aus sich, oder man schnüffelt Klebstoff" -, der noch immer im Internet nachzulesen ist, galt eigentlich als Metapher für die Hirschstettener Einstellung im Allgemeinen. Ist also nicht wörtlich zu verstehen.

Haben viele dennoch getan. Wie Nino Mandl generell oft missverstanden wird. Was er davon hält? "Das ist voll okay, immerhin missverstehe ich auch oft genug."

Bevor Nino ins gegenüberliegende Gasthaus zum Abendessen weiterzieht, sagt er uns noch, dass wir eh in Ordnung waren. Was als Kompliment zu werten ist, weil er Interviews eigentlich ganz und gar nicht mag. "Das ist übrigens eins der letzten, die ich führen will. Nur zu den Alben noch, dann mach ich nie wieder ein Interview", gibt er bekannt.

Wahrscheinlich, nein: hoffentlich ein Schmäh. Eben einer, den man missverstehen kann.  (David Borochov (16), DER STANDARD, 19.5.2014)

  • Spürt derzeit Rückenwind: Nino Mandl, hier am Donauufer vor der Kulisse Kaisermühlens.
    foto: hoanzl

    Spürt derzeit Rückenwind: Nino Mandl, hier am Donauufer vor der Kulisse Kaisermühlens.

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