Nach Bon Jovi 2006 will Linz den Song Contest

Blog19. Mai 2014, 13:57
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Das unglaubliche Werben von Linz für den Song Contest 2015

Linz – Der Tag danach ist der Tag davor. Kaum hat Conchita Wurst die Siegestrophäe des Eurovision Song Contest von Kopenhagen nach Wien getragen, istr schon ein neuer Wettbewerb eröffnet. Wer wird Austragungsort des Song Contest 2015? Auch wenn eigentlich klar sein dürfte, dass Wien unangefochtener Favorit ist, verkündeten vorige Woche bis auf Vorarlberg alle Bundesländer ihre Teilnahme an der Vorentscheidung.

Als eines der ersten Länder schickte Oberösterreich seine Bewerbung an den ORF-General. Der Linzer Bürgermeister Klaus Luger erklärte,  "als Partner für das Land“ zur Verfügung zu stehen. Linz habe das Potenzial, "ein geeigneter und würdiger Austragungsort für dieses Ereignis zu sein. Neben der touristischen Infrastruktur ist Linz auch bestens aufgrund seiner vielfältigen Kultur- und Eventeinrichtungen geeignet, den Songcontest auszurichten.“

Zuletzt war Bon Jovi da

Wie kommt der Bürgermeister zu der Annahme, dass ausgerechnet jene Stadt in Österreich, die seit Jahren nicht mehr auf dem Tourneeplan der Größen des Rock und Pop steht, einen derartigen Mega-Event ausrichten kann? Wo sind die Zeiten, als internationale Stars wie Michael Jackson (1988), Tina Turner (1990), David Bowie (1990), Dire Straits (1992) oder Bon Jovi (2006) in Linz Halt machten? Die beiden letzte Anläufe im Jahr 2010 scheiterten. So wurde der Auftritt von Prince von den Veranstaltern in letzter Minute vom Linzer Gugl-Stadion in die Wiener Stadthalle verlegt. AC/DC spielte vor 100.000 Fans nicht in der oberösterreichischen Landeshauptstadt, sondern auf dem Flugplatz der rund 40 Kilometer entfernten 60.000-Einwohner-Stadt Wels.

Auch aus dem Vorhaben von Michael Ehrenbrantner, Geschäftsführer von Clam Festival & Concerts, und Dieter Recknagl, Chef von Koop Live Marketing, aus dem Linzer Segelflughafen ein Veranstaltungsgelände für 100.000 Personen zu machen, wurde bisher nichts. Zwar steht seit 2011 dieses Open-Air-Gelände theoretisch für Gigs zur Verfügung, nur fand sich praktisch bisher niemand, der dorthin wollte.

Verlorene Zinswette

Dass es nicht so leicht sein dürfte, den Song Contest in seine Stadt zu holen, hat wohl auch Luger erkannt, wenn er von einer “gemeinsamen Kraftanstrengung“ mit dem Land spricht. Bietet doch das größte Veranstaltungszentrum, die TipsArena, lediglich 7200 Sitzplätze in und 500 Parkplätze vor der Halle. Aber es wäre vor allem ein finanzieller Kraftakt, den das in Geldnöten steckende Linz wohl kaum stemmen wird können. Günstig gerechnet müssen die Gastgeberstadt, Österreich Werbung und Sponsoren mindestens zehn Millionen Euro aufbringen. Doch allein in diesem Jahr fehlen Linz 39 Millionen Euro in der Stadtkasse. Zudem belaufen sich die Schulden auf stolze 1,2 Milliarden Euro, und weitere 500 Millionen Euro drohen, wenn der Swap-Prozess gegen die Bawag wegen der Zinswette verlorengeht.

Woher also das Geld für den Song Contest nehmen? Schon jetzt weiß Luger nicht, wie er die dringend notwendige zweite Straßenbahnachse durch Linz oder die neue Med-Fakultät an der Kepler-Uni mitfinanzieren soll. Es gebe "keine heiligen Kühe“, verkündete er, als es auf der Regierungsklausur darum ging, neue Einsparungsmöglichkeiten zu finden.  Es wird zusammengekratzt, was nur geht. 13.000 Euro für das Auflassen der Verwaltungsbücherei, 900.00 Euro mit Einführen von Parkgebühren auf dem Urfahrner Jahrmarktgelände, einen 25-prozentigen Selbstbehalt der Wirtschaft bei der Weihnachtsbeleuchtung. Und das Linz Fest - die kleine Ausgabe des Donauinselfests -, das gerade dieses Wochenende sein 25-jähriges Jubiläum feierte, soll nur mehr alle zwei Jahre stattfinden.

Konkurrenz aus Wels

Allerdings ist Linz nicht der einzige Ort Oberösterreichs, der Austragungsstätte des Song Contest 2015 werden will. Es gibt Konkurrenz im eigenen Bundesland. Wels hat sich beworben, wenn auch nicht wie bei AC/DC der Flugplatz infrage kommt, dafür aber das Messezentrum, das zumindest  für 11.000 Besucher kommissioniert wurde. Und dann meldete sich Gmundens Bürgermeister Heinz Köppl zu Wort. Hat doch schließlich Udo Jürgens vor 48 Jahren die Vorentscheidung für den Song Contest in der Traunsee-Stadt für sich entschieden. Rathausplatz und Toscanapark schweben Köppl als Aufführungsplatz vor. Doch diese Open-Air-Location dürfte ebenso ausscheiden wie die nächste: das Mühlviertel. Ein "Musikwettbewerb entlang der Grenze zu Tschechien als völkerverbindende Veranstaltung“, so die Bewerbungsidee von "Touristik Mühlviertler Kernland“.

Die wohl treffendste und nüchtern betrachtete Beurteilung zu all den Vorschlägen kommt aus der Musikszene selbst, von Ehrenbrantner. Er sieht in Oberösterreich keine Möglichkeit für eine Veranstaltung dieser Größenordnung. (Kerstin Scheller, derStandard.at, 19.5.2014)

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