Soll man Bettlern Gutscheine statt Geld geben?

19. Mai 2014, 08:51
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Vorschlag von Polizeiseite trifft bei Caritas auf  Widerspruch - Hintergrundgespräch schürt "Bettelmafia"-Ängste

Es ist ein Vorschlag im Umgang mit Bettlern: Jenen recht zahlreichen, oft aus Osteuropa kommenden, vielfach der Roma-Volksgruppe angehörenden Armen, die vor Supermärkten, bei Öffi-Stationen oder sonstwo in den Straßen um Geld bitten.

Ein Teil dieser Bettler agiere "organisiert", und es gelte, ihren "Hinterleuten", an die sie große Teile ihres Erlöses abliefern müssten, das Geschäft zu erschweren, sagte Gerald Tatzgern, Leiter der Zentralstelle Menschenhandel im Bundeskriminalamt (BK), unlängst bei einem Hintergrundgespräch für Journalisten. Gebewillige sollten den Bettlern daher künftig statt Münzen Gutscheine in die Hand drücken.

Naturalien statt Bares

Besagte Gutscheine, so Tatzgern, werde es um ein Euro pro Stück zu kaufen geben. Sie würden den Bettler oder die Bettlerin berechtigen, bei der Caritas Naturalien zu erhalten, etwa Nahrung oder Kleidung. Dadurch würden die "Hinterleute" das Interesse am Bettler-Organisieren verlieren, denn gebe es bar nichts mehr abzustauben, würden sie sich aus dem Geschäft zurückziehen, meinte der hochrangige Polizist - der als weitere Maßnahme auch gleich eine Registrierung der Bettler bei den Magistraten vorschlug.

Nun scheint die Gutschein-Aktion in Wahrheit noch nicht weit gediehen zu sein: Laut Klaus Schwertner, Geschäftsführer der Wiener Caritas, hat es bisher nur ein einziges von Tatzgern initiiertes Gespräch darüber gegeben. Bei diesem habe er, Schwertner, Skepsis geäußert, ob der Plan auch wirklich sinnvoll sei: Denn Menschen, die mit ihren österreichischen Bettelerlösen ihre Familien in der Slowakei oder in Rumänien über Wasser zu halten versuchen, könnten mit Naturalien nur wenig anfangen.

Keine Alternative

Dem ist unbedingt zuzustimmen. Den Bedürfnissen der zeitweisen Armutsmigranten aus Europas Osten entspricht ein Gutschein für eine warme Mahlzeit oder einen Pullover nicht. Was sie brauchen, ist Geld, um daheim, wo sie meist keine Chance auf Jobs haben, Mieten, Raten, Heizung und Lebensmittel zu bezahlen. Außerdem: Essen, Kleider und basale ärztliche Versorgung für sie gibt es schon jetzt, gutscheinfrei und großteils spendenfinanziert, zum Beispiel von der Caritas.

Dasselbe gilt für die meisten Einheimischen, die betteln: Die Zeiten, in denen man Einkommens- oder Obdachlosen durch milde Gaben und Sozialarbeiterkontakte wieder auf die Sprünge helfen konnte, sind auch in Österreich großteils vorbei. Sind anachronistische Sozialpädagogik - oder, im Fall der Osteuropäer, behübschte Verdrängungsversuche.

Angst vor "Bettelmafia"

Der Gutschein-Vorschlag war indes nicht das einzig Bemerkenswerte an Tatzgerns Bettler-Hintergrundgespräch: Seither habe er etliche Mails und Anrufe verunsicherter Menschen bekommen, die nachfragten, ob jetzt doch davon auszugehen sei, dass es eine "Bettelmafia" gebe, schilderte Caritas-Wien-Geschäftsführer Schwertner am Sonntag.

Das dürfte damit zu tun haben, dass Tatzgern sowohl über einen Fall von Menschenhandel als auch über Bettler an sich sprach - eine medial riskante Verbindung: Zuerst ging es um einen schwerbehinderten 33-jährigen Rumänen. Sechs Jahre lang sei der Mann, der sich der Polizei als Zeuge zur Verfügung gestellt hat, zum Betteln gezwungen worden. Durch tagelanges Anbinden an einen Baum ohne Essen und Trinken - also Folter - habe man ihn gefügig gemacht und ihm sämtliches erbetteltes Geld abgenommen.

Ungute Verbindung

Zwar, so Tatzgern, seien derlei Fälle selten. Der Großteil der Bettler in Österreich agiere "selbstbestimmt" - und auch gegen die "Organisierten" (die schon jetzt vielfach bei reinem Verdacht mit Verwaltungsstrafen zu rechnen haben) gebe es keine strafrechtlichen Einwände. Doch da war das Thema Menschenhandel schon auf dem Tapet. Ging eine ungute Verbindung mit jenem der "organisierten" Bettler ein: als Ausdruck reiner Polizeisicht auf ein sozialökonomisches, moralisch komplexes Thema. (Irene Brickner, derStandard.at, 19.5.2014)

  • Lösen Gutscheine die mögliche Ausbeutung von Bettlern?
    foto: apa/hans klaus techt

    Lösen Gutscheine die mögliche Ausbeutung von Bettlern?

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