Das Leben ist eine Baustelle

19. Mai 2014, 07:07
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Die Kunsthalle Wien stellt neuerlich den Diskurs ins Zentrum einer Ausstellung

Wien - Im ersten Moment erinnert es an des Kaisers neue Kleider: eine Ausstellung in einer Kunsthalle, aber von Bildern, Skulpturen, Videos keine Spur. Ökonomie der Aufmerksamkeit heißt das Format, das dem Besucher verweigert, was er sich erwartet hätte: Kunstwerke. Stattdessen sind die Wände blank und weiß. Was es zu sehen gibt: Texte - auf Planen gedruckt und auf Bauzäune montiert. Der provisorische Charme einer Baustelle. Ein White Cube im symbolischen Umbau.

Der Titel bezieht sich auf Georg Francks 1998 publiziertes Buch, das die Aufmerksamkeit als neue und mit der Ökonomie des Geldes konkurrierende Währung beschreibt. Eine These, die sich darauf stützt, dass wir aus einer nicht mehr konsumierbaren Flut an Informationen auswählen müssen. Und um diese rare Ressource der Zuwendung wird gebuhlt: mit Stars und Superlativen wie "schnellste, beste, exklusivste" - oder den grellsten Bildern.

Umgelegt auf den ebenso von Aufmerksamkeitsfaktoren wie "Event" und "Prominenz" getriebenen Kunstbetrieb, ist es eigentlich nur konsequent und ehrlich, sich bildliche Enthaltsamkeit zu verordnen. Statt die "Ware Kunst" als Aufhänger zu benutzen, um Inhalte anzuteasern, die sonst oft erst im Katalog verhandelt werden, ist es also nun der Text selbst, der im Zentrum steht.

"Ist Kunst intelligentes Entertainment?", "Was ist eine gute Ausstellung?" oder "Was sind Kriterien für gute Kunst?" hat man Künstler und Kuratoren u. a. gefragt. Die Antworten ergeben einen in den dreidimensionalen Raum geklappten Reader, der an das Interviewbuch Attention Economy (von Nicolaus Schafhausen mitherausgegeben) anschließt.

Antworten, die aber auch nichts Fixes sind, sondern nur Teil eines Verhandelns, das in Vorträgen, Filmen und später im Netz weitergesponnen werden soll. Insofern gefallen die Ideen des Parcours, der den Betrachter in Bewegung hält, und die verschiebbaren Bauzäune. Wie sieht aber ein Ort aus, an dem Standpunkte verrückt werden? Bei dieser Frage lässt das kalte Neonlicht in der Halle und die aus den Antworten vorlesende Computerstimme einen dann doch ein wenig frösteln. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 19.5.2014)

Bis 9. 6.

"Alternative Publishing" (Gespräch mit Luca Lo Pinto), 19. 5., 18.00; "Super-Art-Market" (Dokumentarfilm, 2008) 20. 5., 17.30

Termine: www.kunsthallewien.at

  • Standpunkte zu zeitgenössischer Kunst und Ausstellungsformaten werden in der Kunsthalle Wien zur Verhandlungssache.
    foto: wyckoff

    Standpunkte zu zeitgenössischer Kunst und Ausstellungsformaten werden in der Kunsthalle Wien zur Verhandlungssache.

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