"Kunst muss neue Erwartungshaltungen schaffen"

Interview19. Mai 2014, 06:52
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Nicolaus Schafhausen, Direktor der Kunsthalle Wien, beschäftigt sich in der aktuellen Ausstellung mit Aufmerksamkeitsstrategien in der Kunst - ohne Kunst

STANDARD: Wie sehr ist die Ausstellung von Georg Francks Buch "Ökonomie der Aufmerksamkeit" beeinflusst?

Nicolaus Schafhausen: Ich hatte schon einmal eine Publikation unter dem Motto Attention Economyherausgegeben, Francks Buch aber erst danach entdeckt. Es geht um Aufmerksamkeitsstrategien. Die Ausstellung ist keine Antwort auf das Buch, aber es gibt Parallelen.

STANDARD: Sind Conchita Wursts Auftritte Praxisseminare für Aufmerksamkeitsstrategien?

Schafhausen: Sie als Kunstfigur ist schon spannend. An dieser Figur ist nichts falsch, sie vermittelt die Botschaft so, dass sie auch jeder verstehen kann. Und sie zeigt, dass die Populärkultur die Hochkultur quasi immer einholt. Aber man muss auch sagen, dass Frau Wurst als massenkulturelles Phänomen vielleicht erst möglich gemacht wurde durch Diskurse in der Kunst.

STANDARD: Verstehen Sie diese Ausstellung als Kritik an der Eventisierung der Kunst?

Schafhausen: Eventisierung per se ist ja nichts Schlechtes. Es geht um die Frage, ob Kunst ohne Öffentlichkeit Kunst ist; oder wie viel Öffentlichkeit die Kunst verträgt.

STANDARD: Und: Ist Kunst ohne Öffentlichkeit Kunst?

Schafhausen: Eher nein. Wenn Kunst selbstreferenziell ist, wird sie langweilig.

STANDARD: Schadet andererseits zu viel Aufmerksamkeit der Kunst?

Schafhausen: Zumindest verstehen es manche Kulturproduzenten falsch und produzieren immer wieder das Gleiche. Wenn ich hundertmal die gleiche Idee sehe, vielleicht nur in einem anderen Format, dann langweilt mich das. Die große Gefahr ist, dass zeitgenössische Kunst heute viel zu schnell historisiert, kanonisiert wird. Doch ob das, was wir heute zeigen, in die Kunstgeschichte eingeht, wird man frühestens in dreißig, vierzig Jahren wissen.

STANDARD: Sie haben 60 prominente und unbekannte Kunstschaffende aller Altersklassen zu Kunst und deren Wirksamkeit befragt. Warum zeigen Sie nicht ihre Werke, die ja Antworten auf gesellschaftliche und künstlerische Fragen sind?

Schafhausen: Auch Sprache ist Kunst! Künstler wollen sich auch über Sprache repräsentiert sehen. Ganz prinzipiell interessiert mich nicht nur das Produkt Kunst, sondern die Arbeit an der Kunst. Mir geht es darum, Phänomene aufzuzeigen, warum und wozu Kunst gemacht wird. Das Objekt interessiert mich häufig erst in zweiter Linie. Die Repräsentation der Repräsentation finde ich überflüssig.

STANDARD: Zuletzt blies Ihnen deswegen scharfer medialer Wind entgegen.

Schafhausen: Natürlich kann ich mit meinem Anspruch scheitern. Die Frage ist: woran? An Erwartungshaltungen? Wer gibt die vor? Da setzt meine Kritik an den österreichischen Medien an: Sie zitieren sich permanent gegenseitig. Das ist unerträglich. Kaum jemand leistet sich den Luxus einer eigenen Meinung. Die meisten wollen sehen, was sie bereits kennen. Aber Kunst muss neue Erwartungshaltungen schaffen, unbekanntes Terrain betretbar machen. Man muss nicht in eine Kunstinstitution gehen, um sich selbst zu bestätigen. Das wäre doch lächerlich. Ein anderer Vorwurf ist, ich würde zu wenig junge österreichische Künstler zeigen. Die Qualität am Alter festzumachen ist ja Altersdiskriminierung, und explizit österreichische Kunst zu zeigen, sehe ich auch nicht als unsere Aufgabe. Wenn alle Institutionen lokale Künstler zeigten, wäre das ja provinziell!

STANDARD: Lässt sich das Publikum auf Ihr Diskursprogramm ein?

Schafhausen: Seit wir im September mit dem Vollprogramm gestartet haben, sind die Zahlen in Relation mit dem Durchschnitt der letzten zehn Jahre vergleichbar. Unsere Besucher sind großteils zwischen 25 und 35 Jahre alt, die Journalisten meist 40 oder 50 plus - es ist eine Kluft zwischen professionellen Besuchern und Publikum. Zuletzt wurde ich vom ORF gefragt, wie teuer ein Besucher die Steuerzahler kommt. Auch der ORF wird subventioniert. Wie teuer ist also ein Hörer? Oder ein Seher eines Kulturmagazins? Darum geht es doch nicht!

STANDARD: Sie stellen in der Ausstellung die für eine Kunsthalle provokante Frage "Wozu Kunst?". Wie lautet Ihre Antwort?

Schafhausen: Die Frage ist so alt wie die Kunst selbst: um sich über Emotionen und intellektuell weitestgehend mitzuteilen. Ich glaube im Marx'schen Sinn an den gesellschaftlichen Mehrwert von Kunst, sie soll nicht nur erfreuen, sondern hat eine aufklärerische Funktion, die Gesellschaft spiegelt. Bildende Kunst verändert die Gesellschaft, lenkt sie mehr als andere Kunstformen. Ich sehe mich als Übersetzer, biete Wertungsmaßstäbe an, die natürlich subjektiv sind, wie man Kunst ausdifferenzieren kann, warum ein Künstler gut ist oder schlecht. Das nehme ich für mich in Anspruch.

STANDARD: Was ist gute Kunst?

Schafhausen: Wenn Kunst in den jeweiligen Zeitläufen zu kontextualisieren ist. Mich fasziniert etwa Isa Genzken, deren Ausstellung wir in zwei Wochen eröffnen: Sie reproduziert sich nicht ständig selbst, sondern exekutiert mit ihrer Kunst den uns umgebenden Alltag immer neu. Bei jüngeren Künstlern wiederum wird alles fragmentarisch. Dieses Auflösen jeglicher Form sagt viel über die Unsicherheit von Gesellschaft aus. Das ist für mich gute Kunst. (Andrea Schurian, DER STANDARD, 19.5.2014)

Nicolaus Schafhausen (49) war 2007 und 2009 Kommissär des deutschen Biennale-Pavillons. Der Ausstellungsmacher leitete 1999-2005 den Frankfurter Kunstverein, seit 2012 die Kunsthalle Wien.

  • Kunsthalle-Chef Nicolaus Schafhausen: "Ich biete Wertungsmaßstäbe an, warum ein Künstler gut ist oder schlecht."
    foto: heribert corn

    Kunsthalle-Chef Nicolaus Schafhausen: "Ich biete Wertungsmaßstäbe an, warum ein Künstler gut ist oder schlecht."

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