Auch Hütteldorf liegt in Brasilien 

19. Mai 2014, 10:25
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Der SK Rapid flog 1949 als Sparringpartner ins Austragungsland der bevorstehenden Fußball-WM. Zurückgekehrt sind die Hütteldorfer aber mit einer neuen Spielidee

Wien - Der Wiener Fußball rang mit sich um sich. Das war nichts Ungewöhnliches in jenen Tagen, als ganz Österreich mit sich selber im Clinch lag, wie es warum was sein könnte oder gar müsste. Noch oder wieder. Diesbezügliche Anregungen holte man sich im Jahrfünft bis 1950 - dem status nascendi des heutigen Österreich - von überall her.

Edi Frühwirth übte mit seiner Wacker sogar das unwienerische WM-System. Und angeblich redete Heinrich Müller bei der Austria auch schon von Defensivarbeit. Das war immerhin jener Wudi Müller, dem einst Wunderteamchef Hugo Meisl nach outriertem Dribblement mit erhobenem Stock aufs Spielfeld nachgelaufen war, laut die Wahrworte rufend: "Müller, Sie Verbrecher!"

In dieser Atmosphäre des flächendeckenden Ringens um eine schlüssige Austrianità - nicht nur im Fußball, in dem aber eben auch - machte sich Rapid im Juni 1949 auf zu einer Tournee. Was heißt? Zu einer Expedition!

Im kommenden Jahr, 1950, sollte in Brasilien die vierte Fußballweltmeisterschaft stattfinden, die erste nach dem Krieg. Die vorher durchaus gängige Kenntnis voneinander war verschüttet, die Brasilianer luden also europäische Spitzenklubs ein, sich mit ihnen zu messen.

Der AC Torino, der kurz darauf seine gesamte Mannschaft bei einem Flugzeugabsturz verlor, zahlte Lehrgeld, desgleichen Arsenal. Und Rapid auch, gleich zum Auftakt in Rio gegen Vasco da Gama. "So sehr wir uns auch hineinknieten", erzählte Hans Pesser, der grünweiße Trainer, "und den guten, durch Jahrzehnte bewährten Rapidgeist heraufbeschworen - es half alles nichts."

Lehrreiche Niederlage

Rapid verlor 0:5. Dafür gewannen die Hütteldorfer einen Moment tiefer Einsicht: tempora mutantur, auch und gerade in ballesterischer Hinsicht.

Pesser und sein auch im Wortsinn großer Sektionsleiter, Franz "Bimbo" Binder - der gegen Vasco da Gama seine allerletzte Halbzeit kickte - setzten sich zusammen und - ja, das gab es damals - sinnierten. Sie wälzten hin und her, glichen Augenschein mit Augenschein ab, zogen Schlüsse, ja Konsequenzen. "So beschäftigten wir uns zunächst einmal mit dem wichtigsten Punkt, mit der Frage des Systems, das uns die Brasilianer so wunderbar vorexerziert hatten." Noch im Laufe der Tournee - die, wie alle Nachkriegstourneen, auch dem Fressen gedient hat - übte man sich ins Neue. "Schon beim nächsten Spiel gegen Fluminense spielte Rapid ebenfalls brasilianisch. Wir unterlagen zwar wieder, aber nur mehr 2:3, nachdem wir schon 2:0 geführt hatten."

Als Rapid nach Wien zurückgekommen war, hatte das Team jedenfalls eine Idee. Eine, mit der man die längst überlebte Wiener Schule - das offensive Hopp oder Tropp - ins Heute wuchten konnte. Das ballesterische Wien allerdings war skeptisch. Pesser und Binder baten deshalb den renommierten Sportschreiber Rudolf Kastl, das Neue, das brasilianische System, in Worte zu fassen. 1950 erschien die kleine Streitschrift, in der es auch gewissermaßen um Beruhigung ging. "Von der Wiener Schule kommen wir nicht ab."

Tatsächlich war das Geheimnis des brasilianischen Systems so neu auch wieder nicht. In vielem glich es dem Schweizer Riegel, den der Rapidler Karl Rappan 1938 dem Schweizer Team auf den Leib geschrieben hatte.

Aus Rappans zwar verstärkter, aber auch hoch flexibler und deshalb auch sensibler Defensividee entwickelten sich so unterschiedliche Spielauffassungen wie der Catenaccio, aber eben auch das durchaus offensiv gedachte brasilianische System.

Rollenfach Ausputzer

Beide agierten defensiv nach Rappans Idee einer in Tiefe und Breite versetzt agierenden Innenverteidigung. Rappan kreierte damit den Libero, den Ernst Happel in der brasilianischen Rapid erstmals wirklich mit Leben gefüllt hatte. Im wienerischen Brasilianisch hieß er "Ausputzer", und das beschreibt sein Rollenfach ganz gut. "Das ist der Mann, mit dem das System steht und fällt." Vor Happel gab Max Merkel die G'wandlaus, er hängte sich an den gegnerischen Mittelstürmer.

All diese Ideen freilich hatten - anders als in der alten Wiener Schule, dem starren 2-3-5 der schottischen Furche genauso wie dem 3-2-2-3 des WM-Systems - eine Totalisierung des Spielflusses ins Auge gefasst. Es gehe, schrieb Rudolf Kastl im Auftrag von Rapid, um "die Elastizität des Zusammenwirkens aller Mannschaftsteile". Darum also, "neun Mann nach vorn zu werfen oder in die Abwehr zurückzuziehen, die dann wie ein Fangnetz die gegnerischen Angriffe aufhält." Nichts anderes sagt Jürgen Klopp mit "Umschalten" seinen Dortmundern.

Um das wirklich ausüben zu können, bedarf es nicht bloß einer guten Kondition ("Grundbedingung ist, dass jeder Ball sofort abgegeben wird, dass alles in Bewegung bleibt und das Leder ständig läuft."), sondern auch der Hirnschulung. "Jeden Donnerstag ist Taktikstunde." Da stand dann Hans Pesser "mit der Kreide in der Hand an der Schultafel".

Diese brasilianische Rapid - von Goalie Walter Zeman bis zur erst eher skeptischen Flügelzange Alfred und Robert Körner - erweckte tatsächlich kurz das Wienerische am Wiener Fußball wieder. 1953 schlug man so die Erfinder des WM-Systems, Arsenal, in einem "Propagandaspiel" in Brügge 6:1. Auch in englischen Augen galten die Hütteldorfer als beste Vereinsmannschaft Europas.

Dummerweise kam zwei Jahre später die diesbezügliche Probe aufs Exempel. 1955 wurde nicht Meister Vienna in den ersten Europacup der Meister gerufen, die Vorläufersubstanz der Champions League, sondern die brasilianische Rapid.

"Aber für uns", so später dann Ernst Happel, "ist der Europacup fünf Jahre zu spät gekommen." Ohne es zu wollen, umschrieb Rapids einstiger Ausputzer so den Kern der Austrianità: "Ums Oaschlecken nicht." (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD, 19.05.2014)

  • So oder so ähnlich ging brasilianisch. Richtig funktionierte es erst mit  dem 1950 von Wacker gekaperten Gerhard Hanappi als Mittelläufer - oder  präziser: Allrounder.
    der standard

    So oder so ähnlich ging brasilianisch. Richtig funktionierte es erst mit dem 1950 von Wacker gekaperten Gerhard Hanappi als Mittelläufer - oder präziser: Allrounder.

  • Die wackeren Teilnehmer der Expedition in Grünweiß kamen mit reicher  Beute aus Übersee zurück. Denn Rapid entdeckte das "brasilianische  System", das Franz Binder und Hans Pesser in Worte fassen ließen.
    der standard

    Die wackeren Teilnehmer der Expedition in Grünweiß kamen mit reicher Beute aus Übersee zurück. Denn Rapid entdeckte das "brasilianische System", das Franz Binder und Hans Pesser in Worte fassen ließen.

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