Türkischer Minenbesitzer ohne Reue

Kopf des Tages18. Mai 2014, 20:33
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Alp Gürkan, Chef der Unglücksmine.

In seiner Unglücksmine hängen defekte Billigsensoren für umgerechnet derzeit 30 Euro das Stück; in seinem neuen Wolkenkratzer "Spine Tower" rasen Istanbuls schnellste Aufzüge 56 Stockwerke auf und ab: Alp Gürkan ist im Moment der wohl meistgehasste Mensch in der Türkei.

Aus Profitgier - so der Vorwurf von Gewerkschaften und Oppositionsparteien - hat der 76-jährige Geologe und Multiunternehmer an der Sicherheit gespart und das bisher schwerste Minenunglück in der Geschichte der Türkei verschuldet: 301 Tote haben Helfer aus Gürkans Kohlenmine in Soma, im Westen der Türkei, gezogen.

Drei Tage nach der Katastrophe trat der Besitzer der Soma Holding vor die Presse und brachte mit seinen Erklärungen die Stimmung im Land nur weiter gegen sich auf. "Außerordentlich sicher und gut organisiert" nannte er seine Braunkohlenmine, wo ohne Personenaufzug und zum Großteil nur per Hand gearbeitet wurde.

Überlebenskammern für die Arbeiter gab es im Schacht nicht, räumte der Chef ein. Gesetzlich sei er dazu auch nicht verpflichtet. Dennoch hätte er die nötigen Investitionen veranlasst, erklärte Gürkan; in drei, vier Monaten wären die Kammern für die Kumpel angeblich bereit gewesen. "Sie starben drei Monate zu früh" titelte eine türkische Zeitung nach Gürkans Auftritt und wollte damit die zynische Haltung des Unternehmers widerspiegeln.

Alp Gürkan gilt als Prototyp des türkischen Geschäftsmanns, der sich mit den seit mehr als einem Jahrzehnt regierenden Religiös-Konservativen arrangiert hat. 2005 beteiligte er sich an der Ausschreibung für die Lizenzen des nunmehr teilliberalisierten Bergbaus im Soma-Becken und gewann.

Die Kosten für den Kohleabbau senkte er von 130 auf 23,80 Dollar pro Tonne, so brüstete sich Gürkan in einem Interview vor drei Jahren. Auch in Zonguldak, dem Steinkohlerevier am Schwarzen Meer und einer Hochburg der Opposition, kann der Mineningenieur investieren.

Das Geschäft mit der Kohle ist so einträglich, dass die Soma Holding in die Oberliga der türkischen Immobilienbranche einsteigt: 2013 lässt Gürkan das derzeit höchste Gebäude in Istanbuls Finanzviertel Maslak bauen - den mit Architekturpreisen bedachten "Spine Tower". In Wahrheit aber gab es immer Geldprobleme. Am 17. Juni, so ist mit einem Mal bekannt geworden, muss Gürkan vor Gericht: wegen Betrugsverdachts. (Markus Bernath, DER STANDARD, 19.5.2014)


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    foto: ap /emrah gurel
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