Gripen-Nein: Schweizer Armee als Emmentaler

Kolumne18. Mai 2014, 18:42
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Die Schweiz geht nicht mehr davon aus, angegriffen zu werden

In Österreich setzt die Sparwelle dem Bundesheer gewaltig zu. Ab Herbst werde man keinen Sprit mehr haben, Teile der Landesverteidigung wären lahmgelegt, lauteten einige der Meldungen.

Das sonntägige Nein der Schweizer "Stimmbürger" zur Anschaffung des Eurofighter-Pendants Gripen hat schon im Vorfeld für heftige Diskussionen gesorgt. Die Zürcher Weltwoche schrieb in einer mit harten Zahlen belegten Analyse von einer "Demontage" der Schweizer Armee. Sie betreffe nicht nur die Luft-, sondern auch die Landstreitkräfte.

Anfang der 90er-Jahre besaß die Schweiz noch 300 Kampfflugzeuge, die meisten französische Mirage und amerikanische F 18. Jetzt, nach dem Gripen-Nein, werden es laut Weltwoche bald nur noch 32 sein. Der Kampfjet Tiger (an seine Stelle sollten 22 Gripen treten) muss spätestens 2016 stillgelegt werden.

Dieser überschaubaren Jet-Phalanx stehen in Österreich - natürlich nur zahlenmäßig - 15 Eurofighter gegenüber. Aus einer zehnfachen Überlegenheit der Luftverteidigung der Nachbarn ist eine gerade noch doppelte geworden.

Ähnlich dramatisch ist der Rückbau der Landarmee. Anfang der 90er-Jahre zählte man auf einen Sollbestand von über 700.000 Mann. Nach den jüngsten vom Nationalrat beschlossenen Plänen wird diese Zahl 2016 auf 100.000 schrumpfen. Der Vergleich: Österreich hat einen Sollbestand von knapp 30.000 aktiven Soldaten und ebenso vielen Reservisten.

Im Verlauf der Gripen-Debatte wurden alle Fragen der Schweizer Landesverteidigung aufgeworfen. Eine der Schlussfolgerungen des Rückgangs der für das Selbstbewusstsein der alpinen Muskelkraft mutet absolut katastrophal an - die Schweizer Armee kann heute keinen Kanton, höchstens noch den Flughafen Zürich-Kloten effizient verteidigen.

Gründe neben dem Niedergang der "Mannzahlen": Aus finanziellen Gründen werden binnen wenigen Jahren 14 von 17 Flughäfen geschlossen, alte Festungsbauten, Symbole des Schweizer Wehrwillens, werden nicht mehr erneuert, ein ganzes Netz von Panzerhindernissen eliminiert.

Fazit: Die Schweiz geht nicht mehr davon aus, angegriffen zu werden. Wodurch auch das Konzept der "bewaffneten Neutralität" zunehmend ins Wanken gerät.

In einem Interview mit "Weltwoche"-Chef Roger Köppel hat Armeechef André Blattman die Zahl 100.000 als unterste Grenze für die Erfüllung des Verteidigungsauftrags bezeichnet. Diese Grenze sei erreicht. Denn man könne "innerhalb von Tagen" nur noch 35.000 Mann mobilisieren.

Blattmanns Befund ist nüchtern und bestätigt Vergleiche der Schweizer Wehr-Situation im Vorfeld der Gripen-Abstimmung mit einem Emmentaler. Die Geschichte von einer lückenlosen Phalanx gegen Eindringlinge jeder Art ist offenbar nur noch ein Mythos.

Hätte Österreich derart massive Reduktionen des Wehrbudgets vorgenommen, wäre vom Bundesheer wohl nichts mehr übrig. Viel ist ohnehin nicht mehr da. Und die Debatten über einen Verkauf der Eurofighter wird an Schärfe gewinnen. (Gerfried Sperl, DER STANDARD, 19.5.2014)

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