Doppelter Kontrollverlust in Cannes

Blog18. Mai 2014, 15:50
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Ruben Östlunds "Turist" und Kornél Mundruczós "White God", zwei verstörende Filme in der Sektion "Un certain regard"

Nach und nach entpuppen sich die 67. Filmfestspiele in Cannes als ein besonders qualitätsträchtiger Jahrgang. Im Wettbewerb hat in den letzten Tagen vor allem der neue Film des Türken Nuri Bilge Ceylan für Furore gesorgt. Winter Sleep ist ein an Tschechow gemahnendes, in wunderbar gehaltvollen Dialogen arrangiertes Drama um die Vortäuschungen eines in die Jahre gekommenen Schauspielers, der mit seiner Frau und Schwester ein abgelegenes Hotel am Land betreibt. Auch Bertrand Bonellos Saint Laurent, der schon zweite Film über den Couturier dieses Jahr, wusste mit visueller Einfallskraft zu überzeugen. Eine schöne Casting-Idee ist es gewesen, Visconti-Star Helmut Berger als gealterten YSL zu besetzen.

Die wilderen, weniger auf stilistische Feinarbeit konzentrierten Arbeiten finden sich allerdings auf der Nebenschiene Un certain regard. Sonntagvormittag sorgte der Schwede Ruben Östlund mit dem exzellenten Turist vielleicht sogar für die lautesten Ovationen bisher. Der Film führt in ein Nobelwintersportquartier hoch in den Bergen, ein "safe environment" für die betuchte Mittelklasse, wo nichts dem Zufall überlassen wird. Die Pistenraupen und Schneemaschinen synchronisiert Östlund mit den elektrischen Zahnbürsten einer dort urlaubenden Familie. Dann läuft am zweiten Tag eine kontrolliert gezündete Lawine ein wenig aus dem Ruder und rollt auf eine Restaurantterrasse zu. Als sich der Nebel wieder lichtet, ist zwar niemandem etwas zugestoßen, doch das unterschiedliche Verhalten der Eltern sorgt für Risse im Familiengefüge.

Während die Mutter nämlich nach den Kindern griff, flüchtete der Vater mit dem Handy ins Innere. In präzise orchestrierten, bisweilen auch sehr komischen Szenen sehen wir dabei zu, wie sich das Paar immer mehr voneinander entfremdet. Die Krisenhaftigkeit zeitgenössischer Männlichkeitsbilder wird auch außerhalb dieser intimen Settings aufgedeckt, in Ausflügen in die lakonisch eingefangene Winterlandschaft. Turist funktioniert als Studie einer Gesellschaft, die so stark reguliert ist, dass sie mit unberechenbaren Einbrüchen von außen nicht mehr umzugehen versteht.

Noch ein zweiter, starker Film in dieser Schiene erzählt von Kontrollverlust: White God vom ungarischen Regisseur Kornél Mundruczó. Ein zwölfjähriges Mädchen wechselt mit seinem Hund ein paar Monate zum Vater, von dem es sich merkbar entfremdet hat. Nach einer Auseinandersetzung setzt dieser das Tier auf der Straße aus. Das verschiebt auch die Perspektive des Films: Denn von nun an führt Mundruczó das Geschehen von Mädchen und Hund parallel — zwei Coming-of-Age-Geschichten, wenn man so will. Jene des Hundes gerät besonders harsch: Zuerst noch im Susi und Strolchi-Modus wird White God zum zunehmend fantastischeren Genre-Crossover, in dessen letztem Drittel die Hunde eine Revolution ausrufen und wildernd durch die Straßen Budapests ziehen. Ein hemmungsloser, karnevalesker Film, den man auch als Echo auf die autoritäre Situation Ungarns verstehen kann. (Dominik Kamalzadeh, derStandard.at, 18.5.2014)

  • In Cannes zu sehen: White God von Kornél Mundruczó
    filmfestival cannes

    In Cannes zu sehen: White God von Kornél Mundruczó

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