Kerviel wandert ins Gefängnis

18. Mai 2014, 17:36
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Der zum Pilger und Wanderer mutierte Börsenzocker Jérôme Kerviel will sich in letzter Sekunde stellen

Zwei Monate lang wanderte Jérôme Kerviel durch Norditalien, bevor er sich den französischen Justizbehörden stellte. In Rom bereitete sich der ehemalige Börsenhändler sogar bei einer Papstaudienz spirituell auf die drei Jahre Haft vor, zu denen er verurteilt worden war. 4,9 Milliarden Euro hatte er für die französische Bank Société Générale in den Sand gesetzt.

Von Rom aus machte sich der 37-jährige Bretone im April geläutert auf den Pilgerweg an die französische Grenze, wo ihn nicht das Paradies, sondern die französische Polizei erwartete. Auf dem Fussmarsch ließ sich Kerviel einen Bart wachsen, während er den ihn begleitenden Fernsehkameras sehr unwirsch antwortete. In Paris setzte allerdings ein Unterstützungskomitee Himmel und Hölle in Bewegung; selbst bekannte Politiker wie der Linkspopulist Jean-Luc Mélenchon oder der Christdemokrat François Bayrou verlangten eine Haftverschonung für Kerviel.

Mit fortschreitender Wanderung sammelte Kerviel nicht nur Etappenorte, sondern auch Mitstreiter wider die "Diktatur der Wirtschaft", wie sein Komitee in Anlehnung an Papst Franziskus titelte. Und sie ließen den Pilgerer im letzten Moment zaudern: Am Samstag, ein Tag also, bevor seine Meldefrist bei den Haftbehörden im französischen Grenzort Menton ablief, machte Kerviel auf der italienischen Seite halt und verbrachte die nicht ganz letzte Nacht in Freiheit in Ventimiglia – unweit des Straßentunnels, hinter dem ein noch düsterer Zellenalltag wartete.

Am Sonntag machte der vom betrügerischen Trader zum reuigen Messias gewandelte Franzose keine Anstalten, sich nach Frankreich zu begeben. "Sollen sie doch kommen, wenn sie mich holen wollen", meinte der Kettenraucher braungebrannt in die Fernsehkameras.

Sein Anwalt David Koubbi veröffentlichte derweil in Paris ein Schreiben an den Staatspräsidenten, in dem er erklärte, sein Klient werde seine Haft so lange nicht antreten, wie die Société Générale mit Geld und Druck auf Zeugen einwirke. "Haben Sie keine Angst, Ihre Wahlkampfversprechen einzuhalten, Monsieur le Président", meinte der furchtlose Advokat, daran erinnernd, dass Hollande 2012 die Finanzwelt ausdrücklich zu seinem Hauptgegner ernannt hatte.

Im Elysée-Palast verstand man den Aufruf allerdings falsch, verlautete doch, Kerviels Gnadengesuch an den Präsidenten würde "auf üblichem Weg" geprüft. Der an der Grenze Wartende entgegnete jedoch, er habe gar nicht um eine präsidiale Gnade ersucht; vielmehr wolle er, dass Hollande eine unabhängige Expertise zur Ermittlung der Verantwortlichkeiten in Auftrag gebe.

Diese Forderung trägt die Handschrift seines geschickten Anwalts, der es am Wochenende schaffte, aus einer Posse ein Politikum zu machen: Viele Pariser Medien weisen nun darauf hin, dass Kerviel zwar vorsätzlich Daten gefälscht hatte, um seine Riesenverluste zu verschleiern, dass er sich aber nicht persönlich bereichert habe. Le Monde fragte gar, ob die Verantwortung zwischen Kerviel und seiner ehemaligen Bank nicht "geteilt" sei. Und darum geht es Kerviel. Auch wenn er strafrechtlich verurteilt ist, muss die zivilrechtliche Verantwortlichkeit des Milliardenschadens noch ermittelt werden. Und dabei hat Kerviel gute Argumente für seine Behauptung, dass er nicht der einzige gewesen sein, der von den gigantischen Zockereien wusste.

Wohl aus dieser Überlegung heraus erklärte er am Sonntagabend, also wenige Stunden vor Ablauf der Meldefrist um Mitternacht, er sei kein Justizflüchtling. Schulterte seinen Rucksack und brach Richtung Frankreich auf, wo er in der Nacht auf Montag ankommen sollte. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, 19.5.2014)

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Stellt von Italien aus Bedingungen für einen Haftantritt: Ex-SocGén-Banker Jérôme Kerviel.
    foto: reuters/jean-paul pelissier

    Stellt von Italien aus Bedingungen für einen Haftantritt: Ex-SocGén-Banker Jérôme Kerviel.

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