"Rückkehr des Kriegs nach Europa" 

18. Mai 2014, 13:42
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Thema des Treffens von Intellektuellen war die westliche Sichtweisen auf die Ukraine

Was auch damit zu erklären ist, dass die Veranstaltung vom US-amerikanischen Publizisten Leon Wieseltier und dem Yale-Geschichtsprofessor Timothy Snyder konzipiert worden war. Snyders "Bloodlands: Europe between Stalin and Hitler" gilt als Standardwerk zur tragischen Geschichte der Ukraine im 20. Jahrhundert.

Insbesondere in einem prominent besetzten deutschsprachigen Panel zum Titel "Wie Politiker zu Ausgestoßenen werden" wurden diese europäischen Sichtweisen ausführlich dargestellt. Während der ukrainische Übersetzer und Literaturwissenschafter Jurko Prochasko den Titel vor allem auf Ex-Präsident Viktor Janukowitsch bezog, dachten ausländische Mitdiskutanten dabei vor allem an Russlands Präsident Wladimir Putin.

Freche Lüge Putins

Die Annexion der Krim und die freche Lüge Putins, dass man es dabei nicht mit einer Armee zu tun gehabt hätte, sei für ihn ein Ereignis wie der 11. September gewesen, erklärte der deutsche Historiker Karl Schlögel: "Ich konnte mir nicht vorstellen, dass so etwas in dieser langen Zeit nach 1945 passieren könnte." Derzeit befinde man sich daher, so Schlögel, in der Abwicklung eines ganzen mentalen Zustands, der eine friedensverwöhnte Generation ausgezeichnet habe.

Schlögel plädierte dafür, dass Intellektuelle in der westlichen Öffentlichkeit einen Kampf auf der Seite des Maidan und des ukrainischen Staates aufnehmen. Es gelte Begriffe zu klären, so sagte er, "Annexion als Annexion, Krieg als Krieg oder Lüge als Lüge" zu bezeichnen: Europa solle in dieser Situation, so forderte der auf Russland spezialisierte Historiker, an einer unabhängigen Energieversorgung arbeiten und damit aus einer Situation der Erpressbarkeit herauskommen. Diese Krise soll aber auch Anlass zur Reflexion, über die Möglichkeiten Europas nachzudenken. "Ich bin der Auffassung, dass es viel stärker ist, als es scheint."

Krieg gegen ukrainische Wirtschaft

Von einer "hochinteressanten Taktik", die Wladimir Putin entwickelt habe, sprach hingegen der ehemalige tschechische Außenminister Karel Schwarzenberg: Putin habe einen Krieg unterhalb einer Schwelle geführt und dieser Krieg, der zunächst gegen die ukrainische Wirtschaft gerichtet war, sei deshalb lange Zeit auch nicht als solcher wahrgenommen worden. "Als die Situation reif war, begann er das Land auch als solches zu zerlegen", erklärte Schwarzenberg mit Verweis auf die Annexion der Krim.

Nachdem mit Ausnahme des jugoslawischen Bürgerkriegs in Europa jahrzehntelang Frieden geherrscht habe, sei die Reaktion im Westen schwach gewesen, meinte er: "Wir müssen uns aber an die Tatsache gewöhnen, dass gegen die Ukraine und mittelbar gegen den ganzen Westen ein Krieg geführt wird.."

Jenen westeuropäischen Intellektuellen, die Verständnis für die russische Position zeigten, erinnerten ihn - so Schwarzenberg - an deren Großväter, die 1938 und 1939 Verständnis für den Anschluss Österreichs oder die Annexion des Sudetenlandes gezeigt hätten; "Putin und Hitler sind als Personen sehr verschieden, die Argumentation (für die Eingliederung der Krim und den Anschluss Österreichs, Anm.) ist jedoch nahezu identisch." In beiden Fällen sei vom Schutz der Volksgenossen die Rede gewesen und auch vom natürlichen Recht des Volkes auf Wiedervereinigung.

Schwarzenberg: "Wir haben uns nicht verbessert"

Diese aktuellen Vorgänge bewiesen, so betonte der tschechische Politiker, dass sich geschichtliche Erfahrung nicht von Generation auf Generation übertragen würde. "Wir glauben, wir sind, in einer anderen Situation als unsere Großväter in den Dreißigerjahren. Doch wir sind die selben Menschen, mit den selben Schwächen und den selben Aggressionen. Wir haben uns nicht verbessert", konstatierte Schwarzenberg.

Krieg war schließlich auch im autobiografischen Beitrag von Wolf Biermann äußerst präsent. Der Dissident und Liedermacher, der aus der DDR ausgebürgert worden war, erzählte von seiner Kindheitserfahren unter den Bombenteppichen in Hamburg im Jahr 1943. Seine kommunistischen Mutter habe diese als Kampf gegen den Diktator begrüßt.

Als Kommunistenkind, dessen jüdischer Vater zudem in Auschwitz ermordet worden war, habe er auch, so Biermann, zum mit Gitarre bewaffneten Helden in der DDR werden können. Mit Verweis auf die aktuellen Vorgänge in der Ukraine sprach er von einem "unglaublichen und unverdienten Glück der Deutschen in der Weltgeschichte". Denn hätte 1989 Putin und nicht Gorbatschow im Kreml residiert, dann hätte SED-Parteichef Egon Krenz damals womöglich sowjetische und deutsche Panzer gegen das Volk eingesetzt. (APA, 18.5.2014)

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