Behörden warnen vor Seuchengefahr nach Überschwemmungen in Bosnien

19. Mai 2014, 15:15
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Dutzende Tote bei Unwettern - EU verstärkt Katastrophenhilfe

Sarajevo/Belgrad/Prag - Das verheerende Hochwasser auf dem Balkan hat dutzende Menschen in Serbien und Bosnien-Herzegowina in den Tod gerissen, genaue Zahlen gab es noch nicht. Zehntausende Menschen flohen vor den Wassermassen. Allein in der nordbosnischen Stadt Doboj lagen bis Sonntag 20 Opfer in der städtischen Leichenhalle, wie Bürgermeister Obren Petrovic sagte. Im serbischen Obrenovac bargen Helfer zwölf Leichen.

Am Montag kamen in Serbien zwei Opfer hinzu. Nahe der Kleinstadt Sabac starben zwei Menschen, die sich geweigert hatten, die Siedlungen zu verlassen. Die Zahl der Hochwassertoten im Land ist damit auf 19 gestiegen. Einwohner weiter Teile Nordbosniens sowie West-, Ost- und Zentralserbiens warteten weiterhin auf eine Entspannung der Situation.

Erdrutsche drohen

Etliche Regionen Bosniens und Serbiens sind nun von Erdrutschen bedroht. Alleine in der weiterhin unter Wasser stehender Ortschaft Gracanica im Nordosten Bosniens wurden 300 Gefahrenstellen ausgemacht, in Westserbien waren die Gebiete um die Städte Bajina Basta, Valjevo und Pozega am stärksten bedroht.

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Das Video zeigt die Folgen des Hochwassers in Paracin, Serbien. (Quelle: Storyful, Zoran Dencic)

Die Behörden in Bosnien-Herzegowina befürchten nun den Ausbruch von Seuchen. Bei steigenden Temperaturen könnte von Tierkadavern verunreinigtes Wasser zum Ausbruch von Krankheiten wie Typhus oder Hepatitis führen, sagte der Leiter des Gesundheitsamts in Sarajevo am Montag dem bosnischen Fernsehen. In erster Linie gehe es nun darum, eine sichere Wasserversorgung zu gewährleisten.

Im Osten Kroatiens sind weiterhin etwa 15.000 Menschen vom Hochwasser bedroht, viele von ihnen haben ihre Häuser verlassen müssen. Am Wochenende starb ein Mann, zwei Menschen gelten als vermisst. Die Hochwassergefahr sei noch nicht gebannt, sagte Ivica Plisic, Generaldirektor der Wasserwirtschaftsbehörde Hrvatske Vode. Evakuierungen sind noch im Gange.

Banja Luka: Schaden in Millionenhöhe

Die Höhe des Schadens konnte laut Behörden zunächst noch nicht beziffert werden. In Banja Luka, dem Verwaltungszentrum der bosnischen Republika Srpska, wo mehrere Vororte unter Wasser standen, dürften die Schäden ersten Schätzungen zufolge in die Millionen gehen.

Minengefahr

Hochwasser und Schlammlawinen haben vermutlich auch Landminen weggespült. Die Minenaktionszentren (MAC) in Bosnien, Kroatien und Serbien stellten ein Team zusammen, das die Gefahr der Sprengkörper aus dem Krieg in den 90er-Jahren einschätzen soll. "Es gibt keine nichttödliche Mine", sagte Sasa Obradovic vom MAC am Montag in Sarajevo.

Das MAC warnte, dass die Minen von Wasser und Schlamm weggeschwemmt werden könnten. Eine Mine sei auch nach Jahren noch eine tödliche Gefahr, selbst wenn der Zündmechanismus feucht geworden sei. Das Hochwasser habe auch Schilder zerstört, die vor den Sprengkörpern warnten, erläuterte Obradovic. Aus dem Krieg zwischen Serben, Kroaten und Muslimen liegen laut MAC noch etwa 120.000 Landminen in Bosnien-Herzegowina.

Schutzdämme in Belgrad

Nachdem der Save-Pegel in den serbischen Orten Sabac und Sremska Mitrovica, wo die Situation am gefährlichsten zu sein schien, in der vergangenen Nacht um einige Zentimeter gesunken war, wurde schleunigst mit der Errichtung von Schutzdämmen in Belgrad begonnen. Tausende Freiwillige sind seit Tagen unterwegs, um Hilfe zu leisten. Im Belgrader Vorort Makis, wo sich die hauptstädtische Wasserversorgungsanlage befindet, mussten die Behörden tausende Freiwillige am Samstagabend ersuchen, nach Hause zurückzukehren, um die Arbeit nicht zu erschweren. Gebraucht wurden nämlich nur gut 1.500 Menschen.

Ein dramatisches Video zeigt, wie eine Mure Häuser in Šerići (Bosnien-Herzegowina) zerstört. (Quelle: Storyful, Facebook, Muamer Mirnesa Čelenka)

Tausende evakuiert

Die serbischen Behörden haben zuerst noch keine Angaben über die Opferzahl veröffentlicht. Der staatliche Sender RTS berichtete am Sonntag, dass es alleine in Obrenovac, der am meisten betroffenen Stadt südwestlich von Belgrad, bisher fünf Tote gegeben haben dürfte. Das Wasser zog sich unterdessen aus der Stadt zurück, aus der mehr als 6.000 Menschen evakuiert worden waren. Innenminister Nebojsa Stefanovic schloss eine baldige Rückkehr der Bevölkerung nach Obrenovac allerdings aus. Es sei unmöglich zu bewerten, wann genau die Voraussetzungen dafür gegeben sein würden, meinte er. Landesweit wurden in den vergangenen Tagen mehr als 20.000 Menschen aus ihren überschwemmten Häusern, häufig unter äußerst dramatischen Umständen, evakuiert.

Video einer Evakuierung in Obrenovac. (Quelle: Storyful, Facebook. Mile Petkovic)

Dramatisch blieb die Lage um das ostserbische Kohlekraftwerk Kostolac, wo umliegende Siedlungen rasch evakuiert werden mussten, nachdem der über die Ufer getretene Fluss Velika Morava in der Nacht Schutzdämme durchbrochen hatte.

Versorgungsituation in Belgrad schwierig

Auch wenn das Belgrader Stadtzentrum zunächst nicht von Überschwemmungen betroffen war, blieb die Versorgungssituation schwierig. Trinkwasser, Kindernahrung, Windeln gehörten am Wochenende auch in großen Kaufzentren zur Mangelware. Nicht nur Behörden, sondern auch etliche nichtstaatliche Organisationen wie das Rote Kreuz und Religionsgemeinschaften organisierten überall in der Stadt Sammelzentren für die bedrohte Bevölkerung. "Milchpulver, konservierte Nahrung, Windeln, Waschmitteln sind derzeit am wichtigsten", hieß es etwa im Sammelzentrum des Belgrader Senders B-92, nachdem am Samstagvormittag enorme Kleidungsmengen gesammelt worden waren.

Internationale Hilfe

Als Teil der internationalen Hilfen passierte eine österreichische Feuerwehreinheit den kroatisch-serbischen Grenzübergang bei Batrovci, berichtete der staatliche TV-Sender RTS. 57 Helfer, 17 Lastwagen voll Ausrüstung sowie sechs Boote trafen demnach ein. Am Sonntagvormittag landeten zudem in Belgrad und im südserbischem Nis zwei russische Flugzeuge mit technischen Geräten und humanitären Gütern.

Die EU-Rechtsstaatsmission Eulex hat nach Belgrad Hilfslieferungen, bestehend aus 5.000 Mahlzeiten, 7.000 Liter Wasser und 200 Feldbetten sowie Schlafsäcken, entsandt. Hilfslieferungen und zehn Angehörige der Feuerwehr trafen auch aus Montenegro ein. 46 Tonnen Trinkwasser und Desinfektionsmittel kamen aus Mazedonien.

Vier Bundesheer-Hubschrauber haben  in den vergangenen Tagen in 160 Einsätzen mehr als 800 Personen evakuiert.

Kurz fordert Hilfe

Der serbische Botschafter in Österreich, Pero Jankovic, sagte am Sonntag am Rande des Europa-Forums Wachau im APA-Gespräch: "Das können wir alleine nicht schaffen. Unsere Städte sind zu Flüssen geworden." Die Dimension der Schäden könne man nicht ermessen, wenn man Fernsehbilder sehe. Die Wasserfluten hätten oft das dritte Stockwerk von Gebäuden erreicht, Menschen konnten ihre Wohnungen nicht verlassen. Die Save sei acht Meter hoch angestiegen. Er dankte Österreich für die bereits geleistete Hilfe mittels Ausrüstung und Geldmitteln.

Österreichs Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) hat angesichts der Fluten finanzielle Unterstützung der Europäischen Union für den Wiederaufbau in den betroffenen Ländern gefordert. "Da muss natürlich auch die Europäische Union einen großen Beitrag leisten. Das werden wir heute ansprechen und auch einfordern", sagte Kurz am Montag in Brüssel.

"Es ist dort ein irrsinniges Drama", sagte Kurz, der nach eigenen Angaben mit den Außenministern und Regierungschefs Serbiens und Bosniens in Kontakt steht. "Die Verwüstung ist dramatisch. Es braucht jetzt eine sofortige Hilfe, um Menschenleben zu retten. Es wird in weiterer Folge auch Unterstützung, insbesondere beim Wiederaufbau der Infrastruktur, brauchen. Da hilft Österreich jetzt schon bilateral", sagte Kurz.

Die Europäische Union hat ihre Hilfe für die Opfer der Flutkatastrophe in Serbien und Bosnien-Herzegowina verstärkt. Die zuständige EU-Kommissarin Kristalina Georgiewa sagte am Montag in Brüssel, die Hilfe gehe mittlerweile über das hinaus, was ursprünglich von den beiden Ländern erbeten wurde.

EU-Kommission sicherte Balkan Wiederaufbauhilfe zu

Nach Angaben von Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) hat die EU-Kommission den von Hochwasser betroffenen Balkan-Staaten Kroatien, Serbien und Bosnien ihre Hilfe zugesichert. Dabei gehe es nicht nur um Rettungskräfte aus EU-Ländern, die sich bereits im Einsatz befinden, sondern auch um Gelder für den Wiederaufbau, sagte Kurz am Montag.

Für den Wiederaufbau können nun Kroatien und Serbien, nicht aber Bosnien, bei der EU Gelder aus dem Solidaritätsfonds beantragen. Dieser steht Mitgliedsstaaten und Beitrittskandidaten nach schweren Katastrophen zur Verfügung, um öffentliche Infrastruktur zu reparieren und die Kosten für Nothilfe zu tragen. Serbien und Kroatien hätten bereits angekündigt, um die Gelder anzusuchen, sagte EU-Kommissar Johannes Hahn laut einer Sprecherin. Es bleibe bis Ende Juli, Anfang August dafür Zeit.

Die Unterstützung für den Wiederaufbau hängt vom Gesamtschaden ab, der erst in den kommenden Wochen erhoben wird. Dabei sind allein für Serbien Hilfen von bis zu 100 Millionen Euro möglich, heißt es aus EU-Kreisen.

Aber auch Bosnien-Herzegowina soll EU-Gelder erhalten. "Es braucht Hilfe der Union sowohl für Serbien als auch für Bosnien. Ich bin froh, dass beide Kommissare mir zugesichert haben, dass es Bestrebungen der EU geben wird, hier Unterstützung zu leisten", sagte Außenminister Kurz. Die Mittel für Bosnien könnten nach seinen Angaben aus dem Bereich humanitäre Hilfe und Katastrophenschutz der EU-Kommissarin Kristalina Georgiewa kommen, auch könnte EU-Erweiterungskommissar Stefan Füle aus seinen Mitteln etwas beisteuern.

Die EU leistet in den vom Hochwasser betroffenen Gebieten bereits Katastrophenhilfe. Nach Angaben der EU-Kommission sind bereits 450 Helfer aus 14 EU-Ländern im Einsatz. EU-Kommissarin Georgiewa sagte vor Journalisten, die Lage besonders in Bosnien sei "sehr komplex" - nicht nur wegen der politischen Lage und der Spaltung des Landes zwischen verschiedenen Ethnien, sondern auch, da viele Landminen aus dem Balkankrieg noch immer nicht geräumt wurden und nun auch die Hilfsmaßnahmen behindern.

Situation in Tschechien entspannt

Unterdessen schien in Tschechien laut dpa die Hochwassergefahr nach tagelangem Dauerregen gebannt. In Spindlermühle im Riesengebirge, wo an der Elbe in der Nacht auf Sonntag noch die höchste Alarmstufe ausgerufen wurde, gingen die Pegelstände allmählich zurück. In drei östlichen Regionen des Landes blieben die Einsatzkräfte vorerst in Bereitschaft. Bei der Stadt Pribor setzte die Feuerwehr ihre Suche nach einem vermissten Wassersportler fort, der mit seinem Boot auf dem angeschwollenen Fluss Lubina gekentert war. (APA, 18./19.5.2013)

  • Notschlafstelle in Belgrad für Einwohner des zum Teil geräumten Ortes Obrenovac.
    foto: reuters/marko djurica

    Notschlafstelle in Belgrad für Einwohner des zum Teil geräumten Ortes Obrenovac.

  • Die Bewohner von Obrenovac, südwestlich von Belgrad, wurden vor den Wassermassen in Sicherheit gebracht.
    foto: ap photo/darko vojinovic

    Die Bewohner von Obrenovac, südwestlich von Belgrad, wurden vor den Wassermassen in Sicherheit gebracht.

  • Bilder der Räumung von Obrenovac.

    Bilder der Räumung von Obrenovac.

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