China holt Bürger aus Vietnam nach Hause

18. Mai 2014, 09:24
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Nach anti-chinesischen Übergriffen schicht die Regierung Charterflugzeuge und Schiffe

Peking befürchtet weitere antichinesische gewalttätige Massenproteste in Vietnam. Tausende dort lebende Bürger der Volksrepublik sollen in den nächsten Tagen über Luftbrücken mit Charterflugzeugen und Schiffen nach China heimgeholt werden.

In China setzten die nationalen TV-Nachrichten von CCTV am Sonntag Meldungen über die Evakuierung der Landsleute an die erste Stelle: Das Transportministerium schickt in diesen Tagen fünf Schiffe zur Abholung chinesischer Staatsbürger nach Vietnam. Schon am Samstag waren mit Sondermaschinen über 3000 Personen ausgeflogen worden; und bereits Mitte der Woche hatten sich 600 Chinesen über den Landweg nach Kambodscha abgesetzt.

Chartermaschine für Verletzte

In Chengdu landete am Sonntag eine Chartermaschine, die 16 verletzte Chinesen an Bord hatte. Sie waren bei dem Massenaufruhr schwer verletzt worden, als in der Nacht zum Mittwoch rund 20.000 Vietnamesen in einem Industriepark mehrere Firmensitze stürmten, plünderten und teilweise auch niederbrannten.

Das Fernsehen gab die Ausreiseaktion als "Vorsorgemaßnahme" aus. CCTV verschwieg die Rolle, die Chinas Stationierung einer Ölbohrinsel im territorial umstrittenen Südchinesischen Meer als Auslöser für die Ausschreitungen in Vietnam spielte.

1400 Festnahmen

Nach Angaben vietnamesischer Websites bestätigte Polizeioffizier Hoang Kong Tu, dass es in knapp einem Drittel aller Provinzen Vietnams zu antichinesischen Übergriffen gekommen sei. Man habe 1400 Personen festgenommen.

Die Angst vor weiterem Aufruhr schlug am Wochenende Wellen, nachdem in Vietnam via Internet zu neuen Protesten gegen den "Aggressor China" aufgerufen worden war. Vietnams Premierminister Nguyen Tan Dung forderte per SMS alle Bürger auf, sich von den illegalen Protesten fernzuhalten.

Reisewarnungen

Auch im Ausland herrscht Unruhe: Hongkong erließ Reisewarnungen für seine Bürger, und auch Taiwans Kabinett setzte die zweithöchste Alarmstufe "Orange" für Ho-Chi-Minh-Stadt und die Provinzen Binh Duong und Dong Nai im Süden in Kraft. Wie die Taipeh Times berichtete, wurden bei den Unruhen auch 107 Fabriken aus Taiwan gestürmt.

Vietnams Regierung hat sich für die Gewalttaten öffentlich entschuldigt und versprochen, alle Täter zu fassen und schwer zu bestrafen. Gleichzeitig wird aber Pekings Vorgehen im Südchinesischen Meer weiter als "illegal" bezeichnet; man verlangt einen Abzug der Bohrinsel.

"Keinen Zoll verlieren"

Die Antwort kam nicht nur postwendend vom Pekinger Außenministerium, sondern auch aus den USA, wo einer der ranghöchsten chinesischen Militärs, Generalstabschef Fang Fenghui, einen Besuch bei US-Stabschef Martin Dempsey absolvierte: Ein Rückzug komme nicht infrage: "Chinas Grenzterritorium wird seit Generationen von Hand zu Hand weitergereicht. Wir können es uns nicht leisten, auch nur einen Zoll davon zu verlieren."

Chinas Marine hatte am 1. Mai eine gigantische Ölbohrinsel vor der Küste Vietnams positioniert. Sie liegt nach Hanois Angaben innerhalb der 200 Seemeilen Wirtschaftszone des Landes und zudem noch in territorial umstrittenen See- und Inselgebieten. Peking argumentiert dagegen: Die Plattform liege nur 17 Seemeilen von den Xisha- bzw. Paracel-Inseln. Man operiere in den "Küstengewässern" dieses "unbestreitbar chinesischen" Inselterritoriums.

Rammstöße

Peking warf Vietnam vor, die Bohrinsel zu attackieren: Bis vergangenen Freitag seien mehr als 60 Boote und Schiffe zur Bohrinsel geschickt worden. Dort habe es hunderte Rammstöße gegen chinesische Schutz- und Begleitboote gegeben. Zudem stimme es nicht, dass Chinas Bohraktion unvorbereitet gekommen sei: Chinas Ölgesellschaft prospektiere und untersuche das Gebiet seit mehr als zehn Jahren, ohne dass es zu Störmanövern gekommen sei.

China zeigte sich zuversichtlich, dass der Konflikt diplomatisch zu lösen sei. Hanoi sieht das anders: Es wirft China vor, auf Zeit zu spielen und sich notfalls militärisch durchsetzen zu wollen.  (Johnny Erling aus Peking, DER STANDARD, 19.5.2014)

  • Mit verstärktem Polizeiaufgebot versuchte Vietnam anti-chinesische Proteste in Hanoi zu verhindern. Das Foto wurde vor der chinesischen Botschaft in Hanoi aufgenommen.
    foto: ap photo/na son nguyen

    Mit verstärktem Polizeiaufgebot versuchte Vietnam anti-chinesische Proteste in Hanoi zu verhindern. Das Foto wurde vor der chinesischen Botschaft in Hanoi aufgenommen.

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    quelle: apa
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