Das Ringen um Gerechtigkeit

23. April 2014, 12:13
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Ein Jahr nach dem Einsturz der Textilfabrik in Bangladesch: Viele Konzerne stimmten einem  Sicherheitsabkommen zu, in den Hilfsfonds wollen viele nicht einzahlen. 

Wien - Immerhin, zwei positive Entwicklungen habe der verheerende Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza mit sich gebracht, sagt Michael Königshofer von der NGO Clean Clothes anlässlich des ersten Jahrestages am Donnerstag.

Erstmals in der Geschichte hätten europäische und US-amerikanische Konzerne einem strengen Sicherheitsabkommen zugestimmt, das auch von der Regierung Bangladeschs und den Gewerkschaften mitgetragen wird.

Königshofer bezeichnet diesen Schritt als "bahnbrechend". Kein Wunder, wenn man weiß, dass vor dem Einsturz und dem Tod von mindestens 1138 Menschen keine fünf Unternehmen dazu bereit waren, neue Sicherheitsvorkehrungen umzusetzen. Heute sind es mehr als 1500 Zulieferer, die sich bei "Accord on Fire and Building Safety in Bangeladesh" registriert haben.

Neuer Mindestlohn? 50 Euro

Als zweite Veränderung brachte das Unglück den rund vier Millionen Textilarbeitern im billigsten Produktionsland der Welt neue Mindestlöhne. Statt wie bisher rund 30 Euro Monatslohn erhalten sie nun etwa 50 Euro. Existenzsichernd ist der neue Lohn ebenso wenig: Eine Monatskarte für die öffentlichen Verkehrsmittel in der Hauptstadt Dhaka kostet laut Datenportal Numbeo rund 8,80 Euro, eine Garçonnière am Stadtrand etwa 70 Euro.

Spüren werden die Käufer in Europa die neuen Mindestlöhne wohl kaum. Analysten rechnen mit nur wenigen Cent, die pro Kleidungsstück dazukommen.

Der Einsturz von Rana Plaza hatte - ebenso wenig wie vorangegangene Unfälle - keinen Einfluss auf die Nachfrage nach Textilien aus Bangladesch. Der Export soll sogar noch weiter gewachsen sein.

Hauptabnehmer ist mit rund 80 Prozent die Europäische Union. Von dort kommen auch viele der 28 Konzerne, die nachweislich in Rana Plaza produzieren ließen.

40 Millionen US-Dollar nötig

Um der instabilen Wirtschaft Bangladeschs durch strengere Auflagen nicht zu schaden, sind die Zollerleichterungen geblieben, der Druck in puncto Sicherheitsvorkehrungen wurde dafür erhöht.

Unter der Führung der Internationalen Arbeitersorganisation (ILO), einer UN-Agentur, wurde Ende Jänner der Donors Trust Fund eingerichtet. Ein Topf, aus dem die Entschädigung für die Opfer koordiniert und streng geregelt ausgezahlt werden soll.

40 Millionen US-Dollar sind laut Berechnungen von ILO notwendig, um die vielen tausend Menschen zu unterstützen, die vom Einsturz der Fabrik betroffen sind. Neben den Familien der Todesopfer sind mindestens 2000 Arbeiterinnen verletzt, viele von ihnen haben Gliedmaßen verloren und werden nicht mehr als Näherinnen arbeiten können.

Industrie weigert sich

Mit dem Geld sollen neben Lohnentgang auch Operationen und medizinische Versorgung finanziert werden, auf die viele Opfer seit einem Jahr warten. Doch zum heutigen Tag hat nicht einmal die Hälfte der identifizierten 28 Unternehmen in den Fonds eingezahlt, darunter etwa Benetton, Adler Modemärkte und NKD. Clean Clothes hat errechnet, dass die Konzerne gemeinsam mehr als 20 Milliarden US-Dollar erwirtschaften. Dennoch fehlen dem Fonds 25 Millionen Dollar.

Viele Unternehmen begründen ihre Weigerung entweder damit, dass sie lediglich Muster in Rana Plaza produzieren ließen, oder damit, die Opfer nach einem eigenen Schema entschädigen zu wollen. Die irische Billigkette Primark etwa hatte im Alleingang mit Entschädigungszahlungen begonnen, was für reichlich Unmut gesorgt hat. Jetzt werden diese Zahlungen im Fonds mit einberechnet.

Es gibt bis heute kein einheitliches Label, das erkennen lässt, ob man fair produzierte Kleidung kauft. Wer keinem Marketing-Schmäh aufsitzen will, kann sich unter www.cleanclothes.org die Bewertung der 21-gängigen Gütesiegel ansehen. Eine international anerkannte Kontrollinitiative ist die Fair Wear Foundation (FWF). (Julia Herrnböck, DER STANDARD, 23.4.2014)

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