Und immer wieder zurück auf null

Rezension22. April 2014, 18:11
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Das Buch "Tussikratie" schraubt die Debatte um Gleichberechtigung wieder auf ein niedriges Niveau – Erstaunlich, wie gut das immer wieder gelingt  

Ein neues Buch über "den Feminismus" schafft es wieder einmal, die Debatte auf ein Level zu bringen, das kaum zu unterbieten ist. Das Buch "Tussikratie. Warum Frauen nichts falsch und Männer nichts richtig machen können" handelt von Frauen, die sich in der Geschlechterdebatte selber im Weg stehen, alles auf Benachteiligung aufgrund von Geschlecht reduzieren und die Schuld an allem Übel gern bei den Männern suchen. "Tussis" sind für die Autorinnen Theresa Bäuerlein und Friederike Knüpling alle, die jedes Thema aus der Perspektive der Frauenbenachteiligung betrachten, sagen sie in einem Interview in der "Brigitte". Diese "innere Haltung" hätten im Übrigen nicht nur Frauen, sondern auch Männer. Die Autorinnen erklären doch tatsächlich, dass Männer und Frauen keine homogenen Gruppen sind und die Chance auf Gleichberechtigung auch etwas mit der sozialen Herkunft zu tun hat. Nun, Neuigkeiten klingen anders.

Feministinnen am Diskurshebel

Klug und originell findet das allerdings "F.A.S"-Autorin Antonia Baum. Die "Tussikratie" erklärt sie als die "Diskursherrschaft der Feministinnen". Trotzdem sieht sie offenbar keinen Widerspruch darin, am Ende des Textes zu resümieren, dass es "den Feminismus" ja gar nicht gibt. Diese verquere Logik zieht sich durch den gesamten Lobgesang auf ein Buch, das erklären will, was eigentlich längst nicht mehr erklärt werden muss: dass nicht alle Frauen die gleichen Ansichten und Lebensentwürfe haben (na sowas!), dass die Forderung nach mehr Frauen in Aufsichtsratsposten ein Programm für eine ohnehin recht privilegierte Gruppe von Frauen ist oder dass auch Männer in Geschlechterrollen feststecken. Dem Feminismus sei das bisher entgangen. Zumindest glauben diese Feststellung all jene, denen bisher nur das zu Ohren gekommen ist, was mit viel Krawall und Diffamierung über feministische Debatten in Mainstream-Medien hängenbleibt. Der fiese Trick von Büchern wie "Tussikratie" besteht dann darin, diese Verknappungen als "Feminismus" zu subsumieren, um dann zeigen zu können, wie es richtig geht. Bei Informierten kann das schon mal zu einem "Feminist Bore-out" führen, wie es bei der mädchenmannschaft.net treffend heißt. Gelangweilt ist auch die Bloggerin Anne Roth.

Buch wie auch die "F.A.S"-Rezension sind für eingelesene Menschen also langweilig und doch ein Stück weit auch ärgerlich. Denn dieser konkrete Fall zeigt ein Grundproblem auf, das wie Pech an feministischen Debatten klebt: Es muss immer wieder von vorne begonnen werden. Der Mainstream, der sich ohnehin nicht für Feminismus interessiert, tut laufend so, als gäbe es keinen erreichten Status quo der existierenden Debatten. Damit ist nicht gemeint, dass es fixfertige Antworten gibt. Die gibt es innerhalb eines politischen Diskurses freilich nicht – und das ist auch gut so. Aber es gibt zahlreiche Fragen, die seit Jahrzehnten sehr produktiv gewälzt werden und auf die auch unterschiedlichste Antworten gefunden wurden: Welche Handlungsspielräume gibt es für Frauen? Welche Frauen werden mit welchen Forderungen repräsentiert? Wer wird übersehen? Was kann sich für alle durch Gleichberechtigung ändern? Wie gehen wir mit den unterschiedlichen Vorstellungen um, wie eine gleichberechtigte Gesellschaft aussehen soll?

Kaputte Feminimusdebatte

Es ist längst ein ausdifferenziertes Feld verschiedenster Positionen entstanden. Trotzdem klappt es immer wieder von neuem, die über viele Jahre ausgearbeiteten Details zu negieren, um die Schmalspurvariante jeder Diskussion über Gleichberechtigung als "den Feminismus" zu präsentieren. Bei diesem Thema kommt man offenbar mit allem durch.

Schließlich stellt ausgerechnet die "F.A.S"-Rezensentin fest: Die Feminismusdebatte ist kaputt. Dass ein völlig ahistorischer und inkonsequenter Kauderwelsch wie in "Tussikratie" vielleicht etwas damit zu tun haben könnte – dieser Zusammenhang bleibt im Dunkeln. (Beate Hausbichler, dieStandard.at 22.4.2014)

  • Bei den Suffragetten vor hundert Jahren (an die hier im Bild gedacht wird) hätte die Feststellung, dass es die Frauen als homogene Gruppe nicht gibt, vielleicht noch Erstaunen ausgelöst.
    foto: epa/facundo arrizabalaga

    Bei den Suffragetten vor hundert Jahren (an die hier im Bild gedacht wird) hätte die Feststellung, dass es die Frauen als homogene Gruppe nicht gibt, vielleicht noch Erstaunen ausgelöst.

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