Gendermarketing: Pink ist nur der Anfang

Rezension13. April 2014, 17:00
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Rosa für sie, Hellblau für ihn: Wie Geschlechterklischees im Kleinen anfangen und warum immer die anderen schuld sind, steht in dem Buch "Die Rosa-Hellblau-Falle"

Es ist paradox. Nur mehr wenige Eltern würden es ihrer Tochter ausdrücklich verbieten, eine technische Ausbildung zu beginnen, Hosen oder einen Kurzhaarschnitt zu tragen. Dass Geschlecht weder Nachteil noch Diktat sein sollte und Mädchen wie Burschen unabhängig von Geschlecht wichtige und weniger wichtige Lebensentscheidungen treffen können sollen, ist heute weitgehend Konsens.

Doch lange bevor Kinder überhaupt fähig sind, ihren eigenen Hintern zu finden, geschweige denn sich selbst im Spiegel zu erkennen, predigen heute Industrie und Werbung ein äußerst strenges Geschlechterregime. Es gilt: rosa Schnuller, Söckchen oder Strampler für sie, alles in Hellblau für ihn.

Almut Schnerring und Sascha Verlan haben sich mit dieser relativ neuen, aber rigiden Trennung der Geschlechter in der Kosumwelt in ihrem Buch "Die Rosa-Hellblau-Falle. Für eine Kindheit ohne Rollenklischees" beschäftigt. Schnerring und Verlan sprechen aus Erfahrung, sie sind Eltern von zwei Buben und eines Mädchens. Rollenklischees für Kinder, das sei nicht nur ein Thema für überambitionierte Eltern, meinen sie. Geschlechterstereotype in der Kinderwelt seien auch kein "Nischenthema", sondern nicht weniger als die "Voraussetzung für ein gleichwertiges Miteinander".

Prinzessinnen-Laptop oder Star-Wars-Figur

Denn wenn Werbung und Industrie derart auf die Betonung der Unterschiede zwischen den Geschlechtern pochen, bleibt das nicht ohne Folgen. Und diese beschränken sich auch nicht lange auf die Wahl zwischen Prinzessinnen-Laptop oder Star-Wars-Figur. Während der Nutzen eines eingeschränkten geschlechterspezifischen Farbenspektrums, Spiel- oder Schulzeug für Mädchen und Buben höchst fragwürdig ist, liegt er für die Anbieter klar auf der Hand: Wenn die blauen Vorhänge für die kleine Schwester "nicht passen" oder die roten Leggins für den Bruder "überhaupt nicht gehen", lassen sich schlicht mehr Waren verkaufen.

Dass dieses Konsum-Korsett schnell einengt, dafür gibt es im Buch genug Beispiele: Der Bub, der im Kindergarten zwar begeistert Palatschinkenteig rührt, sich dafür aber in die Bauecke zurückzieht, weil der Herd in der Puppenecke steht – und dort seien eben nur die Mädchen.

Haufenweise negative Effekte von Stereotypen zeigen sich auch, wenn es etwas später um Leistung geht. So beschreiben die AutorInnen gleich mehrere Studien, die den "Stereotype Threat" nachweisen: Eine Untersuchung belegte schon in den 90er-Jahren, dass eine Gruppe Studierender mit schwarzer Hautfarbe dann in einem Test schlechter abschnitt, wenn sie kurz vor dem Test auf ihre Hautfarbe hingewiesen wurde. Bei der Kategorie Geschlecht oder Herkunft ist es nicht anders: Eine Forschungsarbeit der Harvard-Universität zeigte, dass Frauen schlechtere Testergebnisse im Fach Mathematik ablieferten, wenn sie unmittelbar vor dem Test auf ihr Geschlecht aufmerksam gemacht wurden. Positiv beflügelt waren hingegen Studierende asiatischer Herkunft, die man vor dem Test an ihre Ethnizität erinnerte. Das Klischee, AsiatInnen hätten gute Fähigkeiten in Mathematik, wirkte sich positiv aus. Die schlechter abschneidende Gruppe der Frauen war aber im Prüfungsmoment doppelt belastet: mit der Lösung der Aufgaben und damit, die negativen Vorurteile auszublenden. 

Magersüchtiger, pinker Alptraum

Auch das Thema Essen lassen die AutorInnen nicht aus. "Dünn sein" ist schon für ganz kleine Mädchen eine positive Kategorie, die auch in Scharen nicht genug von dem magersüchtigen, pinken Alptraum aller feministischen Eltern bekommen können: Lillifee. Auch die schon früh eingeprägten Körperbilder sind nicht von den geschlechterspezifischen Waren zu trennen, die den Kindern unablässig Buben- und Mädchenattribute einflüstern.

Bei der Suche der AutorInnen nach Antworten, warum nicht mehr Eltern ihre Kinder aus diesem engen Rahmen befreien wollen, stellt sich heraus: Es sind immer die anderen. Die anderen Kinder, die das eigene auslachen, wenn der Bub keine Action-Figur auf der Schultasche hat. Die Nachbarn, die schmunzeln, weil das Baby im Kinderwagen nicht als Mädchen zu erkennen war, weil es in Dunkelblau seine erste Runde um den Block drehte. Dass in vielen anderen Lebensbereichen Individualität hochgehalten, beim Konsum aber Konformität gelebt wird – das wird mit dem Druck durch die anderen argumentiert.

Nach den vielen interessanten Beobachtungen der AutorInnen aus ihrem Elterndasein, den zusammengetragenen Untersuchungen und auch Strategien anderer Eltern eine einfache Lösung für dieses komplexe Problem zu erwarten, wäre zu viel verlangt. Einige gute Hinweise gibt es dennoch: Kinder nehmen die Welt weniger strikt wahr, schreiben Schnerring und Verlan. Eine Studie hat Kinder in 24 Ländern dazu befragt, wie sie Mädchen- und Bubenfiguren im Fernsehprogramm wahrnehmen, und damit gezeigt, dass Kindern Geschlechterklischees suspekt sind. Buben wie Mädchen hielten von übertriebenen emotionalen Mädchenfiguren oder zu dünnen Mädchen nichts. Auch Mädchen, die als passiv und hilflos dargestellt wurden, kamen bei den Kindern nicht an. Wie auch die mittlerweile berühmte Riley seien die Kinder um einiges reflektierter, als viele meinen.

dbarry1917

Auf diese Kompetenz sollte man bauen. Und dann wäre da noch die Rollenverteilung daheim. In der eigenen Küche könnte so mancher Vater und so manche Mutter bei dem Plädoyer für Mädchen in die Bauecke und Buben in die Puppenecke ins Straucheln geraten. Warum sollen Mädchen und Buben rebellischer sein, wenn sich doch auch Mama und Papa so brav an "Rosa" und "Hellblau" halten. (Beate Hausbichler, dieStandard.at, 13.4.2014)

  • Sascha Verlan und Almut Scherring: "Die Rosa-Hellblau-Falle. Für eine Kindheit ohne Rollenklischees." Kunstmann Verlag 2014.
    foto: buchcover kunstmann verlag

    Sascha Verlan und Almut Scherring: "Die Rosa-Hellblau-Falle. Für eine Kindheit ohne Rollenklischees." Kunstmann Verlag 2014.

  • Barbie fasziniert Mädchen weltweit. Hier drei Fans im Barbie-Store in Buenos Aires.
    foto: ap/ natacha pisarenko

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