Der emanzipatorische, weil hungrige Mann

8. April 2014, 09:04
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Ein aktueller Snickers-Spot wirbt abermals mit dem entfremdeten, weil unterzuckerten Mann 

Hungrige Männer, die nicht sie selbst sind – das war schon in älteren Werbungen von Snickers der Running Gag. Ob sich einer auf der stickigen Autorückbank dank leeren Magens in eine genervte Aretha Franklin verwandelt oder in einer Männer-Umkleidekabine in eine ungehaltene Joan Collins. Ein beherzter Biss in den Schokoriegel bereitete dem Diven-Dasein ein Ende und verwandelte die Burschen wieder in ihr – allerdings deutlich weniger glamouröses – Selbst.

In einem neuen australischen Werbevideo ist es ein ganzer Bauarbeitertrupp, der sich wegen eines niedrigen Blutzuckerspiegels "seltsam" verhält. Bevor der Spot beginnt, wird die Frage eingeblendet: "Was passiert, wenn Bauarbeiter nicht sie selbst sind?" Dann werden Arbeiter gezeigt, die vorbeilaufende Frauen nicht mit den erwartbaren Sprüchen beflegeln, im Gegenteil: "Du willst ein schmutziges Wort hören?", ruft ein Bauarbeiter, um sich gleich selbst die Antwort zu geben: "Vorurteile!" Ein anderer wünscht einen "produktiven Tag", und sein Kollege bedauert laut, dass Frauen in unserer Gesellschaft zu Objekten gemacht werden. Ein weiterer konstatiert, dass er der vorbeigehenden Frau "Respekt zollt", schließlich brüllen die Männer im Chor: "Was wollen wir? Gleichstellung!"

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Aufgenommen wurde der Spot im Zentrum von Melbourne im "Versteckte Kamera“-Stil. Die Bauarbeiter werden von professionellen Schauspielern dargestellt, die Frauen hingegen in ihrer authentischen Reaktion gefilmt. Sie zeigen sich weniger überrascht davon, dass die Männer etwas vom Gerüst in ihre Richtung rufen, als vielmehr vom Inhalt. Eine Passantin freut sich sogar so über die ermutigenden Worte, dass sie eine Hand auf ihre Brust legt und "Danke!" zurückruft. 

Doch gerade an dieser fast schon berührenden Stelle wird klargestellt: "Du bist nicht du, wenn du hungrig bist.“ Es ist eine traurige Message, dass profeministische Männer klar als unnatürlich gelten, findet der Blog Sociological Images. Und für die mädchenmannschaft.net sollte man mit Belästigung auf der Straße, egal mit welchen verbalen Inhalten, keine Späße treiben.

Ob die Verwandlung in die Diven Franklin und Collins nicht eine Transformation in ein "besseres Selbst" war – darüber könnte noch trefflich gestritten werden. Das behauptete "echte", weil Frauen belästigende Selbst führt aber gleich mehrere vor: Männer, als ewig chauvinistische Holzköpfe – insbesondere Arbeiter. Und Frauen, die nur eine Sekunde glauben, dass die Männer ganz bei Trost sind.

Unterzucker macht emanzipatorisch – eine zitronig-bittere Botschaft. (beaha, dieStandard.at, 8. April 2014)

  • Die Bauarbeiter visieren die vorbeigehenden Frauen an, um ihnen dann einen "produktiven Tag" zu wünschen. 
    foto: screenshot youtube

    Die Bauarbeiter visieren die vorbeigehenden Frauen an, um ihnen dann einen "produktiven Tag" zu wünschen. 

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