"Die Männer halten immer zusammen" 

Interview23. März 2014, 17:00
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In der Schau "Die andere Sicht. Sammlerin und Künstlerin" zeigt Agnes Essl 27 österreichische Künstlerinnen - Die Kunstsammlerin über den Status von Frauen in der Kunstwelt   

Klosterneuburg - Eine der großen Fragen in der bildenden Kunst: Wer schaut wen an - und wie? In der Kunstgeschichte waren es meist Männer, die (meist leicht bekleidete) Frauen anschauten, gedeckt durch einschlägige mythologische oder biblische Themen.

Im Essl-Museum zeigen die Museumsgründer nun unabhängig voneinander zwei Aspekte ihrer Sammlung. Die von Agnes Essl kuratierte Schau macht schon im Titel Programm: "Die andere Sicht. Sammlerin und Künstlerin". Sie präsentiert in der Ausstellungshalle und im kleinen Saal Arbeiten von 27 österreichischen Künstlerinnen. Nebenan in den Galerieräumen hat Ehemann Karlheinz Essl die Schau "Made in Austria" kuratiert. Unter den 17 KünstlerInnen sind lediglich drei Frauen: Maria Lassnig, Valie Export und Martha Jungwirth. Diese drei hat auch Agnes Essl gewählt. Außerdem zeigt sie unter anderem "Klassikerinnen" wie Birgit Jürgenssen oder Kiki Kogelnik, Gudrun Kampls sinnliche Arbeiten aus Samt und Dekorstoff oder die Aluminiumreliefs von Barbara Szüts samt dazugehörigen Zeichnungen.

Jeder einzelnen Künstlerin gewährt die Kuratorin viel Platz. Meist sind Frühwerke neben jüngstem Schaffen zu sehen, daher wird auch deren künstlerische Entwicklung nachvollziehbar. Bei Xenia Hausner etwa protzt "Taormina" (1997) noch mit Mustern und Farbpracht - das jüngere "TIPSTER" (2013) wirkt daneben viel disziplinierter und geordneter.

Essl, die auch persönliche Kontakte zu den Künstlerinnen pflegt, schafft es, ein privates, fast familiäres Bild zu vermitteln. Daneben zeigt sie, wie vielfältig das weibliche Kunstschaffen ist. Umso verwunderlicher, dass in den Museen nicht mehr Kunst von Frauen zu sehen ist.

STANDARD: Gibt es so etwas wie eine spezifische weibliche Sicht?  

Agnes Essl: Das werde ich immer wieder gefragt. Natürlich, jede Künstlerin erzählt ihre Lebensgeschichte, die fließt in das Werk ein. Aber: Die Qualität ist das Wichtigste, ob das jetzt Künstler oder Künstlerin ist. Dass auch Männer ihre eigene Lebensgeschichte erzählen und Frauen halt eine andere haben, ist eigentlich selbstverständlich.

STANDARD: Haben Frauen also einen anderen Zugang zur Welt?

Essl: Frauen sind die Schützenden, sie schützen die Welt. Das hängt mit dem Muttersein zusammen - auch wenn sie nicht unbedingt Mutter sind, das sind die wenigsten Künstlerinnen. Der Mann sieht immer voraus, hat ein gewisses Ziel vor Augen. Aber er kann nicht rundherum schauen. Eine Frau muss alles im Auge haben. Das erkennt man sicher auch in der Kunst, die hier zu sehen ist.

STANDARD: Ist es noch nötig, Frauen in der Kunst speziell zu fördern?

Essl: Ich versuche das zumindest. Aber ich glaube, in Zukunft werden immer mehr Frauen vordrängen und ihren positiven, gleichwertigen Platz in der Gesellschaft haben. Es wird noch ein bisschen dauern. Aber schauen Sie auf die Akademien und Universitäten. Da gibt es so viel Nachwuchs - das muss sich einmal ausgleichen.

STANDARD: Noch sind Frauen in den Museen unterrepräsentiert - auch in der Ausstellung Ihres Mannes. Schauen Männer mehr auf ihresgleichen?

Essl: Die Männer halten immer zusammen. Haben Sie das noch nicht beobachtet? Mein Mann hat einen besseren Draht zu Männern, wahrscheinlich kann er ihre Denkweise eher verstehen. Und ich versteh mich besser mit Frauen. Ich glaube, ein Mann würde mir gegenüber nicht so offen sein. Aber es ist eine schwierige Frage - wenn Sie immer nur die Quoten befragen ...

STANDARD: Apropos: Fürchten Sie nicht, dass Künstlerinnen auf "die Quote" reduziert werden?

Essl: Also von uns sicher nicht. Kunst ist Kunst bei mir. Ich achte nicht auf das Geschlecht. Bei dieser Ausstellung war vorgeschrieben: Künstlerinnen. Gerade dann muss man natürlich schon bei der Auswahl darauf achten, dass man nur die Besten nimmt.

STANDARD: Was war Ihnen beim Zusammenstellen der Werke außerdem wichtig?

Essl: Ich wollte einen Bogen spannen vom Früh- zum Spätwerk. Aber von den jungen Künstlerinnen, die ich vor allem präsentieren wollte, haben wir nur relativ wenig Arbeiten. Also habe ich im Atelier neue Werke dazugesucht.

STANDARD: Wie sehen Ihre Versuche aus, Frauen zu fördern?

Essl: Wir hatten in den letzten Jahren sehr viele Einzelausstellungen von Frauen. Ich glaube, das hilft. Frauen waren einfach sehr lange nicht wirklich auf der künstlerischen Bühne präsent. Je öfter sie das sind, desto höher steigen die Preise. Wobei: In der heutigen Zeit ist die Preisentwicklung katastrophal. Das hängt mit der ganzen finanziellen Lage zusammen.

STANDARD: Können Sie sich vorstellen, dass es irgendwann in der Beurteilung völlig unwesentlich ist, ob Kunst von einem Mann oder einer Frau stammt?

Essl: Man müsste einmal eine Ausstellung machen, wo man keine Namen dazuschreibt. Vielleicht würde man dann herausfinden, ob es wirklich egal ist. Aber es gibt dazu einen Spruch: "Feminismus ist der radikale Begriff, dass Frauen auch Menschen sind." (Andrea Heinz, DER STANDARD, 23.03.2014)

Die Ausstellung ist bis zum 21. September 2014 im Essl Museum in Klosterneuburg zu sehen.

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Essl Museum

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  • Xenia Hausner: Taormina (Öl auf Hartfaserplatte, 1997)
    foto: archiv sammlung essl

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  • Barbara Szüts: Moskau (aus einer Serie von 24 Zeichnungen, Kreide auf Ingres Papier, 2007)
    foto: archiv der künstlerin

    Barbara Szüts: Moskau (aus einer Serie von 24 Zeichnungen, Kreide auf Ingres Papier, 2007)


  • Kuratorin Agnes Essl
    foto: apa/neumayr/mmv

    Kuratorin Agnes Essl

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