Bekenntnisse eines Rastlosen

7. April 2005, 19:41
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Der heimische Ausnahmemusiker Hans Platzgumer präsentiert dieses Wochenende sein autobiografisches Romandebüt "Expedition"

Wien – Wenn einer sein literarisches Debüt Expedition nennt, dann ahnt man schon, dass bei so einer Erkundungsreise ins Ungewisse gewöhnlich einiges schief geht. Der gebürtige Innsbrucker Hans Platzgumer hat mit nur 35 Jahren nicht nur alle Höhen und Tiefen des Musikgeschäfts mehr oder weniger unbeschadet überstanden.

Mit knapp 50 Veröffentlichungen in zwei Jahrzehnten blickt der nach den Lebens- und Arbeitsstationen Innsbruck, Wien, Berlin, New York, Los Angeles, Hamburg und München heute als zweifacher Familienvater am Bodensee lebende Mann jetzt gut 330 Seiten lang – und parallel dazu auf einer ebenfalls Expedition benannten Doppel-CD – auch auf eine bisherige Karriere zurück, mit der er tatsächlich eines recht nachdrücklich dokumentiert. Obwohl es für den großen internationalen Erfolg zwar noch immer nicht gereicht hat, darf Platzgumer zu Recht als Österreichs größter "heimlicher Popstar" angesprochen werden.

Nach seinen Anfängen in Innsbrucker Undergroundbands veröffentlichte Platzgumer mit 17 sein bis heute gültiges, "mit gutem Gefühl hingeschissenes" Solodebüt Tod der CD im Zeichen einer auf primitivem Vierspurrekorder festgehaltenen Low-Fi- und Waschrumpel-Rock-'n'-Roll-Ästhetik, die immer noch ihren Charme bewahrt.

Es folgte der rastlose Aufbruch nach Berlin und später ein von tatsächlichen New Yorker Rattenkellern aus jahrelang mit größter Sturheit unternommener Welteroberungsversuch mit seiner bis heute bekanntesten Band, dem Trio HP Zinker. Mit‑ dem versuchte er bis Mitte der 90er-Jahre am Höhepunkt der mit Nirvanas Welterfolg losgetretenen Grunge-Welle nicht nur mit Alben wie Perseverance oder Mountains of Madness, gegen den Zeitgeist epischen Rock im Sinne seiner großen und damals wie heute völlig unzeitgemäßen Vorbilder Queen nachzustellen.

Eine Lebensliebe, die ihn auch jetzt noch mit seiner international gefragten Electro-Trash-Kombo Queen Of Japan fesselt. Platzgumer im Gespräch mit dem STANDARD: "Ich muss jetzt mit dem Positiven anfangen. Bis 1981 haben Queen kreativ gesehen eine Wahnsinnsplatte nach der anderen gemacht. Dass die sich heuer ohne Freddie Mercury bloß wegen Geld oder Ego-Befindlichkeiten mit neuem Sänger wieder vereinigt haben, ist eine ganz, ganz bittere Sache. Das ist so traurig, so möchte ich nie enden. Als Musiker muss man doch die Kraft haben zu erkennen, wann etwas vorbei ist."

Keine Wiederholung!

Der Ekel vor Wiederholung bestimmt spätestens seit dem im Roman ebenso zartbitter wie intensiv geschilderten Ende von HP Zinker, inklusive traumatischer Tourerlebnisse und seiner damaligen Hinwendung zur elektronischen Musik, auch im Wesentlichen das jede Marketingabteilung zur schieren Verzweiflung treibende Schaffen von Platzgumer. Nach einer intensiven Beschäftigung mit Film-, Theater- und Hörspielmusik, bis heute ein zweites wichtiges (finanzielles) Standbein von Platzgumer, und einem Engagement bei den Hamburger Diskurs-Punks Goldene Zitronen folgte mit seinem Umzug nach München Ende der 90er-Jahre eine unüberschaubare Zahl von Projekten.

Mit Aura Anthropica, Der Seperator, Cube & Sphere, Shinto, besagten Queen of Japan oder gegenwärtig mit hp.stonji und e:gum und vor allem mit einem nach achtjähriger Pause mit elektronischen Mitteln wiederbelebten "Rockband"-Format namens Convertible nähert sich Platzgumer, inzwischen laut Eigenaussage als ehemals vor allem auch geografisch Getriebener "etwas ruhiger und fokussierter geworden" wieder vorsichtig dem Popgedanken.

Radikale Loslösungsversuche vom genialischen Rockeransatz, von Songstrukturen und eine Verinnerlichung‑ der Clubkultur zwischen Drum'n'Bass, rauer Laptop-Knarzigkeit und elektronischem R'n'B bestimmen aber weiterhin die jeweils ein bis zwei Jahre Arbeit in Anspruch nehmenden Veröffentlichungen: "Die Leute glauben immer, ich würde alle zwei Monate eine CD auf den Markt werfen. Sie sehen aber nicht die intensive und langwierige Beschäftigung dahinter."

Ein Rückkippen in alte Muster, etwa die durchaus verlockenden Aussichten auf eine Wiederbelebung von HP Zinker, lehnt Platzgumer deshalb kategorisch ab. Dies macht auch die Lektüre von Expedition nachdrücklich klar: "Aus der Vergangenheit lernen finde ich gut, Vergangenheit wiederholen ist schrecklich."
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1.4.2005)

Von
Christian Schachinger

Tipp

Hans Platzgumer präsentiert "Expedition" am Fr., 1.4., und Sa., 2.4., im Burgtheater-Kasino am Schwarzenbergplatz mit Lesung, DJs und Konzerten von hp.stonji und Convertible.

Info: (1) 51444-4440.
Beginn jeweils 20.00

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    Hans Platzgumer

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