Baghajati im derStandard.at-Interview: "Gelassenheit ist ein gutes Rezept"

31. März 2005, 13:30
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Die Medienreferentin der Islamischen Glaubensgemeinschaft über die Plakatkampagne der Wiener FP

derStandard.at: Wie gehen islamische MitbürgerInnen mit der Plakatkampagne der Wiener FP um?

Baghajati: Nicht zum ersten Mal spielt die FPÖ mit anti-islamischen, bzw. anti-türkischen Ressentiments. Diese Art Populismus entlarvt sich selbst, da er lediglich Emotionen zu schüren sucht, ohne eine politische Botschaft zu geben. Der recycelte Slogan – auch Chicago musste ja für den gleichen Spruch herhalten – reizt viele Menschen zum Widerspruch. Da kommt es vor, dass Muslime ganz direkt von anderen angesprochen werden, die sich solidarisch zeigen möchten, weil sie von dieser Art der Politik abgestoßen sind.

Bezeichnend, dass die Plakate parallel zu den Veranstaltungen der "Literatur im März" angebracht wurden, die mit dem Schwerpunkt "Islam und Abendland – Ursprung des Westens" für sehr positive Akzente zu einer ehrlichen Beschäftigung miteinander sorgte. Muslime waren hier direkt eingebunden. So schaut Integration als beidseitiger Prozess aus.

derStandard.at: Was könnte sich Wien von Istanbul abschauen?

Baghajati: Wien ist Wien, so wie Istanbul Istanbul ist.

Soll uns vorgegaukelt werden, dass Wien in irgendeiner Weise "bedroht" wäre, so ist dies angesichts einer funktionierenden Stadt mit höchster Lebensqualität unsinnig. Zu dieser Lebensqualität tragen die Menschen in Wien gemeinsam bei. Auch wenn manche Leute das Wort von der gegenseitigen Bereicherung schon nicht mehr hören können oder wollen: Das Kebab schmeckt dann doch. Und über eher folkloristische Effekte hinaus haben muslimische Zuwanderer mehr zu geben. Etwa beim Umgang mit dem Alter. Wir reden viel vom "Generationenvertrag". So wie in orientalischen Familien ältere Menschen ganz selbstverständlich ihren Platz haben, kann das auch den einen oder anderen Denkanstoß geben. Die Freuden jeden Lebensabschnitts entdecken, anstatt nur in der Jugend Berechtigung zu sehen.

derStandard.at: Kann die FPÖ mit diesen Wahlkampfmethoden noch Erfolg haben?

Baghajati: Die FPÖ scheint vor allem intern vieles klären zu müssen. Welche Richtung eingeschlagen wird, ist wohl interessanter und aussagekräftiger als eine Plakataktion.

Gelassenheit und auch ein wenig Humor sind vielleicht ein gutes Rezept, mit der Wahlkampftaktik der Wiener FPÖ umzugehen: Sich an den nun überall hervorlugenden Tulpen neben so manchem Plakat erfreuen und dabei daran denken, dass diese aus Istanbul nach Europa kamen.

derStandard.at: Könnte diese Kampagne einen Anstieg rassistischer Übergriffe nach sich ziehen?

Baghajati: Es mag sein, dass alltägliche Situationen im Zusammenleben, wie sie alle Menschen in Österreich erleben, durch solche Plakate leichter ins Fremdenfeindliche umschlagen. Wenn eine Mutter ihre kleinen Kinder in der Straßenbahn schwer ruhig halten kann, dann zu hören bekommt: "Wir sind hier nicht in der Türkei!", so schmerzt das.

Alltagsrassismus, die kleinen Bosheiten und Diskriminierungen en passant, sind aber leider in Österreich verbreitet. Persönlichen Grant und Unmut auf eine schwächere Minderheit abzuladen, ist ja nichts Neues. Genauso wenig wie die Tendenz in Zeiten, wo wirtschaftliche Sorgen oder allgemeine Unsicherheit angesichts rasanter Entwicklungen dadurch kompensiert werden, dass die schwer gewordene Eigendefinition nur mehr über die strikte Abgrenzung zum "Fremden" läuft. "Übergriffe", wo es wirklich zu physischen Attacken käme, sind dabei Gott sei Dank selten.

Die Fragen stellte Michael Vosatka
  • Carla Amina Baghajati, Medienreferentin der Islamischen Glaubensgemeinschaft
    foto: standard/hendrich

    Carla Amina Baghajati, Medienreferentin der Islamischen Glaubensgemeinschaft

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