Meeresgemüse auf unsrer Haut

13. Mai 2005, 12:36
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Wellness, die aus dem Meer kommt: Die Insel Djerba profiliert sich als Thalasso-Destination und lockt mit salziger Berieselung

Das Zauberwort, das aus den schon seit Jahrtausenden beliebten Wasserspielen am Meeresstrand - von der schaumgeborenen Venus bis zum vornehmen Seebad um 1900 und dem späteren "Teutonengrill" für unerbittliche Sonnenanbeter - einen Trendurlaub macht, heißt "Thalasso" (griech. Thalassa = Meer).

Man zitiert Euripides (oder war es Platon?), der vor 2500 Jahren meinte "Das Meer wäscht alle Übel vom Menschen ab", und verwendet in diesem Sinne kaltes und warmes Meerwasser, Algen, Schlamm und Soledampf zur Regenerierung des Körpers. Dass die wichtigen Nebendarsteller - jodhaltige Luft, Ernährung mit viel frischem Fisch und Früchten, Olivenöl und Honig, Spaziergänge am Strand, Schwimmen und Lauschen auf Wellenrauschen - die echte Thalasso-Therapie zur Meeresnähe zwingt, freut natürlich die Strandtourismus-Destinationen wie Djerba, wo man in vielen neuen oder neu adaptierten Hotels auf Thalasso setzt, die beste Chance für einen Ganzjahresboom.

Mit diesem Meereswellnessangebot, das es schon seit 50 Jahren vor allem in Frankreich gibt, hat sich Tunesien in den vergangenen zehn Jahren mit derzeit bereits 25 Thalassozentren zum zweitgrößten Thalasso-Land entwickelt und lässt etwa 100.000 Gäste pro Jahr auf des Meeres und der Massagedüse Wellen entspannen. Unter dem Motto: Was Sharon Stone, Catherine Deneuve und Karl Lagerfeld tun, das kann doch nicht ganz falsch sein.

Nicht nur Schönheit und jugendliche Vitalität werden versprochen, die Heilung von Geist und Seele, sondern auch recht konkrete Körperlichkeiten mit Thalasso behandelt, wie Arthrose, Rheuma, Osteoporose, Rückenbeschwerden, Herz- und Kreislaufstörungen, Atemwegserkrankungen, Gelenkschmerzen, Ekzeme, Fibromyalgie (eine unklare Bindegewebe- und Muskelentzündung) und Durchblutungsstörungen.

Das Immunsystem - und selbst Cellulite und Übergewicht - soll mithilfe von Algen und Meerwassermassagen verbessert werden. Und man schwört: Die Haut wird geschmeidig und fest, Unreinheiten verschwinden, trockene Haut speichert wieder Feuchtigkeit. Die technischen Details: Der französische Biologe René Quinton konnte 1897 wissenschaftlich belegen, dass Meerwasser in seiner Zusammensetzung dem menschlichen Blutplasma sehr ähnlich ist.

Durch warme Meerbäder und Meerwasserbehandlungen (bei den Thalasso-Anwendungen wird das Meerwasser auf 28 bis 35 Grad erwärmt, so kann der Körper die darin enthaltenen Mineralien aufnehmen, denn warmes Wasser öffnet die Poren) können wir also unseren Körper mit lebenswichtigen Mineralstoffen und Spurenelementen wieder aufladen - Eisen, Kobalt, Magnesium und Kalzium können eindringen.

Die Algenpackungen werden wegen ihrer mehr als 90 Nährstoffe (Mineralien, Spurenelemente, Vitamine und Aminosäuren) aufgetragen. Das jodhaltige Meeresgemüse aktiviert die Schilddrüse, kurbelt den Stoffwechsel an, strafft das Bindegewebe, versorgt die Haut mit Nährstoffen und Feuchtigkeit und entspannt die Muskulatur. Dafür wird man nach der Bestreichung in Folie gewickelt und mit einer Rundum-Heizschürze bedeckt, die man ablehnen sollte, wenn man hitzeempfindlich ist - es kann sehr stickig und ungemütlich werden! Für die Wasseranwendungen hat man sich die verschiedensten Techniken einfallen lassen, vom Sprudel-Wannenbad, das in Minutenabständen verschiedene Düsen aktiviert und damit den Körper von unten nach oben und wieder zurück massiert (herrlich!) bis zur Vichy- oder Nebeldusche, die lauwarmen Regen auf den Körper rieseln lässt, der leicht massiert: Wäre ebenfalls herrlich, wenn sich die Duschköpfe bewegen würden, statt aufreizend eine spezielle Stelle zu betröpfeln, und wenn man bei der Bauchlage nicht mit dem Gesicht in eine fast ertränkende Lacke gezwungen würde (was vielleicht in manchen Thalasso-Zentren schon verbessert wurde).

Der Jet-Strahl, der aus etwa vier Metern Entfernung von kenntnisreichen Physiotherapeuten und -therapeutinnen mit starkem Druck über den Körper wandert, wird in einer Art Waschtunnel angewendet, der wie eine Verhörzelle oder eine Gefängnis-Zwangsdusche wirkt, er walkt aber bloß ordentlich durch. Die Aerosolbehandlung, das Einatmen von Soledampf, der meist mit Eukalyptus versetzt ist, wird am besten in Gruppenräumen auf Liegen absolviert, denn die Inhalationsapparate lassen mehr an Krankheit als Entspannung denken.

Um auch den asiatisch-esoterischen Trend zu bedienen, finden sich oft Qigong, Tai-Chi, Ayurveda-Massagen, energetische Steinmassagen, Shiatsu und Ähnliches auf den Programmen der Wellen-Wellnesshotels. Sie wollen als Seelenmassage verstanden werden und die Entspannung fördern, was ihnen bei Menschen, die stundenlange Panflötenmusik schätzen, auch gelingen kann.

Eine Thalasso-Kur beginnt mit einem Gesundheitscheck beim Arzt, der den passenden Behandlungsplan vorschlägt. Wer Schilddrüsenprobleme hat oder unter einer Jodallergie leidet, muss verzichten, sollte aber ohnehin nicht ans Meer fahren. Bei Venen- und Herz-Kreislauf-Problemen sollte man die Jet-Dusche und zu warme Bäder oder Packungen mit Wärmedecke besser sein lassen.

Um sich wirklich wohl zu fühlen, muss man aber auch wohltuend untergebracht sein. Der Robinson Club Athénée zum Beispiel, eine Fünf-Sterne-Anlage auf Djerba mit wunderschönen, palmenhausartigen Gängen und Foyers, großzügigen Zimmern und viel Marmor, farblich im Wüstensanddesign durchgestylt, mit weitläufigen Buffet-Diners und Abendshows, will Kontakt fördern (viele 8er-Tische, jeder ist per Du) und siebt sein Publikum schon durch den Preis (kein "all inclusive", Thalasso übrigens immer und überall extra).

Noch exklusiver ist das Hotel Hasdrubal, das auf etwas angestaubte Vornehmheit setzt. (In der Nähe beider gibt es übrigens mit importiertem Wasser mühsam begrünte, schandbar üppige Golfplätze.) Wer es locker und lässig mag, probiert vielleicht den Magic Life Club, kleiner und nett und sehr ausführlich inkludierend. Und wer in seinem Herzen ein Troglodyt (Höhlenmensch) ist, der quartiert sich im Odyssée in Zarzis ein, das der Höhlenbewohner-Architektur aus Matmata nachempfunden ist.

Auswahl gibt es genug in Südtunesien. Und wer nicht dauernd im Hotel bleiben will, kann ja auch einmal Krokodile streicheln fahren, in Töpfereien schauen, Märkte besuchen oder die bizarre Landschaft von Matmata besuchen. Etwas Besonderes: Kamelkarawanen von Douz aus, auch "Women only". (Der Standard/rondo/1/4/2005)

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